Ausgabe Februar 1990

Wer, wenn nicht wir...

Von der Verantwortung der Modell-Europäer

1. In den letzten Jahren brauchte man vielen Intellektuellen in West- und Osteuropa nur das Stichwort Europa (oder Mitteleuropa) zuzurufen, und sie gerieten auf den verschiedensten Konferenzen in einen rauschhaften Zustand: Die Kräfte der Kunst und des Geistes schienen (wieder einmal) in der Lage, sich über alle Widrigkeiten der Materie hinwegzusetzen, die Zwingburgen der Macht und des Kapitals wurden nichtig angesichts der Luftschlösser des Geistes, die Kleinen wurden mächtig und bedeutsam, die Ränder zu neuen Zentren, die Mächtigen schienen vor Worten zu erzittern.

2. Kultur solle nicht die Auslegeware für das ökonomisch bestimmte europäische Haus sein, nicht der Teppich, unter den man alles Problematische kehrt, warnte 1988 Freimut Duve. Vergeblich, sie ist es längst geworden. Sie leistet ihren Beitrag für die Akzeptanz der "Industrieplattform Europa" (Adolf Muschg).

3. Mittlerweile prägt neue Dynamik den Prozeß Europa. Auch die Peripherien dürfen, so scheint es, wie einst nach 1945 Mitteleuropa, die Segnungen einer freien (d.h. fessellosen, entfesselten) Marktwirtschaft kennenlernen.

Februar 1990

Sie haben etwa 13% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 87% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Ukraine: Zwischen Korruption und Diktatfrieden

von Yelizaveta Landenberger

Anfang Dezember herrschte rege Pendeldiplomatie, während die Bombardierung ukrainischer Städte und die russischen Vorstöße an der Front unvermindert weitergingen. Völlig unklar ist, ob der im November bekannt gewordene US-»Friedensplan« auch nur zu einem Waffenstillstand führen kann.

Vom Einsturz zum Aufbruch: Die Protestbewegung in Serbien

von Krsto Lazarević

Rund 110 000 Menschen füllen am 1. November die Fläche vor dem Hauptbahnhof in Novi Sad, um der Opfer zu gedenken, die ein Jahr zuvor unter dem einstürzenden Vordach starben. Für die seit Monaten Protestierenden steht der Einsturz nicht für ein bauliches, sondern für ein politisches und gesellschaftliches Versagen: ein sichtbares Symbol für Korruption und ein zunehmend autokratisches System.

Der Kampf um Grönland: Versöhnung als Geopolitik

von Ebbe Volquardsen

Die Stadt Karlsruhe könnte schon bald vor einem Dilemma stehen. Im Januar 2025 zeichnete sie ihren langjährigen Stadtvertreter Tom Høyem (FDP) mit der Ehrenmedaille aus. In den 1980er Jahren war der gebürtige Däne, mittlerweile auch deutscher Staatsbürger, Dänemarks letzter Minister für Grönland – ein Amt aus der Kolonialzeit.