Ausgabe Mai 1990

Das Bewusstsein, in einem kleinen Land gelebt zu haben

I

Zunächst mal finde ich die Frage in dieser spekulativen Form nicht gut. Weil ich denke, man sollte den Leuten jetzt Zeit geben, in einer offenen Situation - historisch offen, gesellschaftspolitisch, kulturell und überhaupt nach allen Himmelsrichtungen offen - auszuprobieren, wer sie wirklich sind.

Nachdem man so umschlossen war, muß man jetzt erst in der Reflexion sehen, was einen wirklich unterscheidet. Wenn ich trotzdem spekulieren soll, dann möchte ich sagen, es wird etwas bleiben von dem erreichten Stand im Verhältnis der Geschlechter in der DDR. Das ist gewachsen, und es gibt zumindest in meiner Generation, die in die DDR hineingeboren wurde, ziemlich deutliche Resultate. Weniger in dem, was man statistisch auflistet - z.B.: wieviele Führungspositionen Frauen innehaben -, sondern viel mehr im Alltag, im Umgang der Geschlechter miteinander. Das geht mit Sicherheit in die Breite der Alltagsbeziehungen. Auch im sexuellen Bereich vermute ich das, obwohl ich da überhaupt keine Statistiken kenne. Weiter wird das Gefühl bleiben, in einem kleinen Land gelebt zu haben. Und das dadurch geprägte Verhalten.

Die Vorstellung, daß man der Beste ist oder Bürger einer Großmacht, existiert hier nicht.

Mai 1990

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.