Ausgabe Mai 1991

Und morgen sind wir alle gleich

Innerhalb von zwei Monaten sind nacheinander und zuweilen durcheinander die drei höchsten Repräsentanten des deutschen Staates zum Rücktritt aufgefordert worden. Die Gründe sind bei Weizsäcker (Berlin), Süssmuth (Auto) und Kohl (Lüge) nur dem äußeren Anschein nach verschieden. Die Koinzidenz verweist auf den gemeinsamen Grund: Es ist Krise. Und die erschöpft sich sicher nicht in den w i r t s c h a f tl i c h e n Problemen im neuen Osten der Republik. Zur ökonomischen gesellt sich die politische Krise.

Denn wenn die Spitze der Kritik von der Opposition an der Regierung und der Regierung an der Opposition darin besteht, daß die Erholungsurlaube ihrer jeweiligen Hauptdarsteller zu lang gewesen seien, dann haben sich die Parteien über ihre gemeinsame politische Konzeptionslosigkeit offenbar schon geeinigt. Darum schwankt man nur noch zwischen den Möglichkeiten hin und her, die Politikdarstellung durch Zusammenlegung aller kämpfenden Truppen zu verbessern oder aber in der Mitte der Legislaturperiode die eine Profispielschar gegen die andere auszutauschen. Von beiden Möglichkeiten hat das Publikum speziell das östliche - nicht viel zu erwarten.

Ob man nun weiter Helmut Kohl beschimpfen muß oder bald gegen die Pfeife mit dem Mann demonstrieren darf, bleibt sich ziemlich gleich. Politische und ökonomische Krise allein wären ja vielleicht noch verkraftbar.

Mai 1991

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema