Einem polnischen Kommentator wird der Satz zugesprochen: "Die Teilung Europas ist keineswegs aufgehoben, nur die Grenze wurde verschoben - von der Elbe und Werra zur Oder und Neiße." In der Tat scheint die Oder-Neiße-Grenze mehr als nur die endlich anerkannte polnische West- und deutsche Ostgrenze zu sein, sie scheidet vielmehr die im Wohlstand lebenden (West)Europäer von ihren der Armut preisgegebenen Geschwistern im Osten und Südosten des Kontinents (die Sowjetunion eingeschlossen). Dabei wird unterstellt, daß die volle Teilhabe der ehemaligen DDR-Deutschen am westlichen Reichtum nur noch eine Frage der Zeit sei. Die mit dem Fall der ideologischen Grenze verbundene Annahme, daß die NATO oder der Westen oder das marktwirtschaftliche System insgesamt den Kalten Krieg gewonnen hätten, ohne daß ein einziger Schuß gefallen sei, ist freilich unbegründet. Die Ursachen für den Zusammenbruch der Sowjetunion und der von ihr viereinhalb Jahrzehnte gegängelten Staaten sind vielfältig. Sie liegen in einer zum Dogma erhobenen Planwirtschaft, in der Unfähigkeit der kommunistischen Eliten, damit zum Wohl der Bevölkerung umzugehen, in der Unregierbarkeit des russischen Imperiums (ganz gleich von wem es verwaltet wird), im gewaltfreien Aufstand unterdrückter Bürgerinnen und Bürger und schließlich im Konsumverlangen der Bevölkerung.
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.