Ausgabe Juni 1991

Ein Potemkinsches Dorf namens Berlin

Hintergründe zur Hauptstadtdebatte

Die Kritiker des deutsch-deutschen Vereinigungsprozesses sind stiller und verhaltener geworden. Das hat mit der Macht des Faktischen zu tun: Zwar sind fast alle Probleme, die sie kommen sahen, nun wirklich gekommen; doch das nimmt der Kritik kaum etwas von ihrer eigentümlichen Kraftlosigkeit. Alternativen hat sie nun nicht mehr zu bieten, sie steht im toten Winkel. Es bleibt kaum mehr als der Vorwurf, alles sei zu schnell gegangen. Dem wird dann gerne entgegengehalten, man habe im Westen (zumindest anfangs) ja gar nicht aufs Tempo gedrückt, dieses sei vielmehr von der mit überraschender Vitalität agierenden Bevölkerung der DDR ausgegangen und die schnelle Vereinigung sei nichts anderes gewesen als eine Schutzmaßnahme vor der drohenden menschlichen Wanderdüne aus dem deutschen Osten.

Dennoch ist nicht zu übersehen, daß etliche an der tempokratischen Gangart Geschmack gefunden haben. Deutlich wurde das z.B. in der Auseinandersetzung um die Hauptstadtfrage. Als sich die Vereinigung als politische Möglichkeit gerade erst abzuzeichnen begann, formierte sich schon die BerlinLobby, die ganz offentsichtlich bemüht war, von dem Tempo zu profitieren, das ins politische Geschehen gekommen war.

Juni 1991

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema