Ausgabe November 1993

Papandreous Rückkehr

Mit der ihr eigenen Vulgarität "kommentierte" die "Bild-Zeitung" die Entscheidung der griechischen Wähler vom 10. Oktober für die Panhellenische Sozialistische Bewegung (PASOK): Sie veröffentlichte ein Nacktfoto der von der Natur oberweitig gut ausgestatteten, noch ziemlich jungen Frau des 74jährigen griechischen Ministerpräsidenten Andreas Papandreou, als wollte sie sagen: So einen alten Lüstling wählt man nicht. Nicht ganz so ordinär, aber mit gleicher Eindeutigkeit brachte auch die Mehrzahl der seriöseren deutschen Medien ihr Mißfallen über die Wahlentscheidung zum Ausdruck. "Der Demagoge kehrt zurück an die Macht" - so und ähnlich wurde der Wahlsieg der PASOK qualifiziert. Griechenland werde sich unter Führung Papandreous noch weiter von Europa entfernen, fügte, z.B. der Athener ARD-Korrespondent besorgt hinzu will sagen: in Richtung "Dritte Welt". Die für die gebildeten Stände zuständige "Süddeutsche Zeitung" machte ihrerseits, dem klassischen Ort angemessen, eine "griechische Tragödie ohne Ende" aus. Antikisierende Klischees mischen sich da mit Vorurteilen von "balkanesischen" Zuständen beim ungeliebten EG-Partner Griechenland.

November 1993

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der europäische Flüchtlingsschutz: Eine Ruine

von Vanessa Barisch

Haftähnliche Unterbringung, fehlender Rechtsschutz während des Asylverfahrens und die Legalisierung von Pushbacks, das sind die Merkmale, die ab Juni den Umgang mit Flüchtlingen in der EU prägen werden. Bis dahin sollen die EU-Staaten die schon 2024 beschlossene Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems umgesetzt haben.