Als das Großdeutsche Reich endlich besiegt war und die halbe Welt voller Verachtung auf eine Nation blickte, die die Schuld ungeheuerlicher Verbrechen auf sich geladen hatte, suchten diejenigen, in deren Namen diese Verbrechen begangen worden waren, um die Schande zu mindern, nach den Strohhalmen, mit deren Hilfe sie hofften, sich ins Reich der Moral retten zu können. Es mußte doch noch etwas anderes gegeben haben als den Jubel über die braune Diktatur oder die gehorsame Unterwerfung unter deren Bedingungen, nicht nur den Staat der braunen Batallione, der Gestapo und der Waffen-SS, sondern ein anderes Deutschland, ein besseres Deutschland, bessere Deutsche eben. Die hat es in der Tat gegeben, vor allem in der Emigration, aber auch mitten im Lande der Unmenschlichkeit. Systemgegner, Widerständler, Verweigerer. Nur Kommunisten durften sie nicht gewesen sein, möglichst auch keine Einzeltäter wie Georg Elser oder der unglückliche Schweizer Bavaud, dem kalt war in Brandenburg. Die wurden so schnell vergessen oder übersehen wie der gesamte proletarische Widerstand. Es wurde alles reduziert auf die Geschwister Scholl und die Offiziere des 20. Juli, die ein elendes Ende gefunden hatten.
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.