Ausgabe November 1994

Die Aktualität eines Unzeitgemäßen

Über Georg Lukács

Obwohl beinahe alle in Ost und West darin übereinkommen, Georg Luk cs wie einen toten Hund zu behandeln, taugt der sozialistische Intellektuelle doch nach wie vor für Emotionen und Polarisierungen. Der hysterische Unterton der öffentlichen Ablehnung belegt die weitreichende Wirkung von Luk cs' Leben und Werk. Da hat einer als kommunistischer Intellektueller die Spannung zwischen Loyalität gegenüber der Arbeiterbewegung und intellektuellem Erkenntnisanspruch ein Leben lang ausgehalten. Da hat einer an den Kämpfen seiner Zeit teilgenommen und eine große "Ästhetik" geschrieben. Da hat einer die Kultur- und Literaturpolitik (der DDR) auch dann noch geprägt, als sein Name nach 1956 nicht mehr genannt und sein Werk nicht mehr gedruckt wurde. Es steht zu befürchten, daß die rituelle Distanzierung von Luk cs nicht mehr symbolisiert als den demonstrativen Abschied von den Zumutungen, welche die Doppelrolle eines engagierten und öffentlich exportierten Intellektuellen für ihre Träger bereithält.

Insofern gilt das Wort von den "schärfsten Kritikern der Elche", mit der Einschränkung freilich, daß sie früher bloß gerne selber welche geworden wären.

November 1994

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