Die Überlegung scheint nicht unberechtigt, daß 1995 das Jahr der großen Gedenktag-Verabschiedungen in Deutschland wird. Aus vielerlei Gründen: nicht nur, weil die Zeit der Weltkriege und der NS-Diktatur zunehmend in den Sog einer wie auch immer gearteten Historisierung gerät, und auch nicht nur deshalb, weil die Biologie des Menschen dazu führt, daß sich unmittelbare Erinnerung auf einen immer kleiner werdenden Kreis von Überlebenden beschränkt, während die meisten Nachgeborenen diese Gedenktage nur noch durch die Überlieferung des Hörensagens, des Schrifttums und der gesteuerten Bildflut wahrnehmen. Genauso wichtig erscheint der Umstand, daß sich nach den Ereignissen von 1989 in Deutschland und in der Welt die Perspektive auf das verändert hat, was über fünfzig Jahre lang Politiker, Militärs und Geisteswissenschaftler u.a. in erbitterten Kontroversen verstrickte, wenn es darum ging, Ursachen, Folgen und Konsequenzen der NS-Herrschaft und des von Deutschland entfesselten Krieges zu erörtern. Heute muten diese über Jahrzehnte so leidenschaftlich ausgetragenen Auseinandersetzungen vielfach schon merkwürdig verstaubt an, obgleich nach wie vor eine Bilanz des Jahrhunderts aussteht.
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.