Ausgabe März 1995

Die Dekomposition der Nation

Wie aus den Deutschen Ossis und Wessis wurden

Im fünften Jahr nach dem kläglichen Ende der DDR scheinen die Deutschen in Ost und West weiter voneinander entfernt denn je. Westdeutsche sehen bei den Ostdeutschen Wehleidigkeit, kleinbürgerlichen Mief und apathisches Anspruchsdenken, Ostdeutsche klagen über Siegermentalität, Besserwessitum und rücksichtslose Plattmacherei. Das wechselseitige Mißvergnügen führt zu einer allgemeinen, wenn auch nicht ganz ernstgemeinten DDR-Nostalgie: Niemand will zurück zum alten System, aber viele vermissen die alte Überschaubarkeit der Verhältnisse - die gelernten DDR-Bürger mit dem Gefühl der Entfremdung in der neuen Republik, die AltBundesbürger mit zunehmend ungnädigerer Gereiztheit gegenüber den neuen Mitbürgern. Woher rührt dieses deutsch-deutsche Mißvergnügen?

Um es zu erklären, genügt es nicht, darauf zu verweisen, daß die einen mit Sättigungsbeilagen und Gemüsevariationen aufgewachsen sind, die anderen aber mit Pizza und Hamburgern. Die Kluft, die die Deutschen (Ost) von den Deutschen (West) trennt, ist auch nicht allein darauf zurückzuführen, daß die einen 40 Jahre lang den Zwängen eines voluntaristischen Sozialismus ausgesetzt waren, während die anderen mit einiger Anstrengung lernten, sich nach den Maßstäben westlicher Zivilisation zu organisieren.

März 1995

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.