Ausgabe Oktober 1996

Eliten, die keine sein wollten

Wenn ich lese, was heute unter dem Sammelbegriff "Vergangenheitsbewältigung" als DDR-Geschichtsdeutung angeboten wird, fällt es mir oft schwer, in diesem Puzzle die mir bekannte Vergangenheit zu erkennen. Andererseits zeigt sich, daß eine zu(ver)lässige Selbsterkenntnis, die die ganze historische Epoche in ihrem Werden und Vergehen umschließt, nicht weniger problematisch ist. Den Beteiligten fehlt vermutlich, was Freud "Lehranalyse" nennt. Zusätzliche innere Sperren sind nicht zuletzt einem gesellschaftlichen Klima zu verdanken, in dem aus unterschiedlichen Interessen die Ausgrenzung ehemaliger DDR-Eliten betrieben wird. Historische Erfahrung motiviert zu politischem Handeln, allerdings wird den Eliten der DDR jene geschichtliche Legitimation verwehrt. Ist es Absicht, im Verkennen des Charakters jener Vergangenheit den Holocaust und die Frage ins Abseits zu schieben, wieso eine vorangegangene Bevölkerung überwiegend ihre Nazidiktatur hingenommen hat? Das neue Deutschland DDR trat an, die Wiederbelebung des Faschismus zu unterdrücken, was derzeit gern ausgeblendet wird. Die Frage der Mittel stand damals nicht zur Debatte, der Kalte Krieg verhärtete die Fronten, aus führender Rolle der Partei wurde die Macht des auf Moskau orientierten Politbüros, die Staatsorgane ausführendes Instrument.

Oktober 1996

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fortschrittsfalle KI

von Roberto Simanowski

Unbemerkt von den meisten verschiebt sich die Macht vom Menschen zur Maschine. Erste Studien bezeugen: Der Mensch wird dümmer durch KI. Je mehr er sie als Hilfsmittel nutzt, umso geringer seine kognitive Aktivität und schließlich seine Fähigkeit zum kritischen Denken.

Drei Millionen ohne Abschluss: Was tun?

von Maike Rademaker

Die Zahl war lediglich einen Tag lang einige Schlagzeilen wert: Rund 2,9 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren hierzulande haben keinen Berufsabschluss. Maike Rademaker analysiert Gründe und Lösungsansätze.