Die Revolution von 1848/49 galt nicht nur der Durchsetzung freiheitlicher Regierungsformen in der europäischen Staatenwelt; sie war zugleich ein erster Höhepunkt der nationalen Bewegungen in Europa, die sich gegen die überkommenen dynastischen Herrschaftssysteme richteten und die Schaffung eines Europa freiheitlicher Nationalstaaten als ihr ideales Ziel proklamierten. Der große Prophet eines nationalstaatlichen Europa freier Völker war Guiseppe Mazzini, der seine visionäre Botschaft nicht zuletzt mithilfe der Geheimgesellschaften des "jungen Europa" unter Intellektuellen verbreitet hatte. In mancher Hinsicht nahm Mazzini bereits die Ideen Woodrow Wilsons vorweg, der nach dem Ende des Ersten Weltkrieges versucht hatte, das nationale Selbstbestimmungsrecht zur Richtschnur einer grundlegenden Neuordnung Europas zu erheben, mit dem Ziel, den Weltfrieden auf einige Dauer zu sichern. Auch wir stehen heute noch in der Tradition dieses großen Entwurfs eines Europas demokratischer Nationalstaaten, obschon dieser damals gescheitert ist. Auch wenn wir uns gegenwärtig anschicken, das Europa freier Nationen, welches sich nach dem Zweiten Weltkrieg gebildet und mit der großen Wende von 1989 seine Vollendung gefunden hat, mit einer europäischen Kuppel zu überwölben, bleiben doch die demokratisch verfaßten Nationalstaaten als seine Bauelemente weiterhin von großer Bedeutung.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.