Ausgabe September 1998

Zweiklassendemokratie, wie lange noch?

Bundestagswahl '98. Nach dem Urnengang findet sich Familie Sener zum Abendessen ein. Der Fernseher verkündet die ersten Hochrechnungen. Lautstark kommentieren Vater Mehmet und Mutter Aisa, beide Besitzer einer Speditionsfirma, jeden Punktgewinn der CDU, die Tochter Fikriye feuert Bündnis 90/Die Grünen an ("Die einzigen die sich tatsächlich Gedanken um Frauen im Beruf machen"), und Sohn Hikmet hält es als angehender Jura-Student eher mit der FDP. - Schön, wenn dies eine ganz normale Szene wäre, doch in vielen Migranten-Familien dürfte der 27. September auf weitaus geringeres Interesse stoßen. Wieso auch, ohne Stimme? Denn aufgrund des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes von 1913, das dem Prinzip der blutsmäßigen Volkszugehörigkeit folgt, leben in Deutschland Menschen ausländischer Herkunft unter Umständen auch noch nach Jahrzehnten außerhalb demokratischer Teilhabe. Selbst den im Lande geborenen Kindern und Kindeskindern bleibt ein unproblematischer Zugang zu allen Bürgerrechten verwehrt. Da fragt es sich, wie lange sich die Republik die Etablierung einer solchen Zweiklassendemokratie noch leisten will - und kann?

Fronten und Blockaden

Am Ende einer Legislaturperiode muß Bilanz gezogen werden. In Sachen Ausländerpolitik erscheint das Ergebnis besonders frustrierend.

September 1998

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema