Ausgabe Juni 1999

Rechtsruck in der Türkei

"Raus! Raus! Raus!" Es ging hoch her bei der Vereidigung der Abgeordneten im türkischen Parlament am 2. Mai 1999. Da sind nun die Frauen mit der Rekordzahl von 22 (bei 550 Abgeordneten insgesamt) im 21. Parlament der Türkei vertreten, und dann dieser Skandal: Die junge Computerspezialistin Merve Kavakci, Abgeordnete der islamistischen Tugendpartei, betrat den Plenarsaal mit Kopftuch, obwohl der Generalstab ein klares Nein zum Kopftuch im Parlament ausgesprochen hatte. Die Verfechter des kemalistischen Laizismus, allen voran die Abgeordneten der DSP Ministerpräsident Ecevits, warnten, das "von Atatürk gegründete Parlament dürfe nicht für eine religiöse Kundgebung mißbraucht" werden. In den Bekleidungsvorschriften des Parlaments findet sich allerdings keine Bestimmung bezüglich der islamisch korrekten Verhüllung des weiblichen Kopfes.

Ist "Merves Aktion" nun eine vom Ausland angezettelte Provokation, wie Staatspräsident Demirel, die Gefahr eines Militärputsches implizierend, meint, oder handelt es sich lediglich um die Ausübung eines Menschenrechts, wie muslimische Kreise und Menschenrechtler äußern. Ein Affront gegen Militärs und die vor ihnen kuschende laizistische Elite ist es allemal.

Juni 1999

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema