"Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig", schrieb Kurt Tucholsky 1931. Was er beklagte, war die Unfähigkeit der politischen Klasse der Weimarer Republik, "die Denkungsart der breiten Masse" zu erfassen: "Der wirkliche Gehalt dieses Volkes, seine anonyme Energie, seine Liebe und sein Herz" - für all das gehe gerade den sozialdemokratischen Vertretern der Republik jeder Instinkt ab. "Daß nun dieses richtige Grundgefühl heute von den Schreihälsen der Nazis mißbraucht wird, ist eine andre Sache." Zwei Jahre später war es mit der ersten deutschen Republik vorbei. Gewiß, mit den historischen Analogien soll man es nicht zu weit treiben. Der Kollaps demokratischer Politik steht in diesen Tagen in Deutschland und Westeuropa nirgendwo auf der Tagesordnung. Doch immerhin gibt der Ausgang der Europawahlen Anlaß zu Fragen über den Zustand von Politik, Parteien und Demokratie in Deutschland. Um die Diskrepanz zwischen dem falschen Verstehen und richtigen Fühlen der Bürger einerseits und den Fehlleistungen ihrer politischen Klasse andererseits geht es auch bei ihnen. Und besonders um die SPD und ihren "Dritten Weg".
Es ist mehr als nur eine Zahl, es ist eine Mahnung: 8372 muslimische Jungen und Männer wurden am 11. Juli 1995 in Srebrenica, einem Ort im Osten Bosnien und Herzegowinas, getötet.