Wie in Belarus jegliche Widerständigkeit im Keim erstickt wird
Bild: Symbolbild: In einen Vogelkäfig eingesperrte Sprechblasen (IMAGO / Ikon Images)
Geht es um verbotene Literatur, schauen derzeit viele in die USA. Doch in der Mitte Europas werden Kultur und Ideen schon länger unterdrückt: durch die systematische Zensur des Lukaschenko-Regimes in Belarus. Die Repression richtet sich gegen Intellektuelle, zielt aber auf die gesamte Gesellschaft, die unwissend und gefügig gemacht werden soll. Angesichts der weltweiten autoritären Tendenzen zeigt uns Belarus, was auch andernorts drohen kann.
Zwischen staatlicher Macht und Gedächtniskontrolle herrscht eine enge Beziehung. Der Philosoph Jacques Derrida hat das im Begriff des Archivs zusammengefasst: die Gesamtheit aller Informationen, die in einer bestimmten Sprache verfasst und in den Bibliotheken, Buchhandlungen und privaten Sammlungen eines Landes aufbewahrt werden. »Es gibt keine politische Macht ohne die Kontrolle über das Archiv, wenn nicht sogar über das Gedächtnis«, schreibt Derrida, »eine wirksame Demokratisierung lässt sich stets an diesem wesentlichen Kriterium messen: der Teilhabe am Archiv und dem Zugang dazu, seiner Gestaltung und seiner Interpretation.«1 Dieser Umstand ist jedoch keineswegs ein Relikt vergangener Zeiten. Ihre extremen Beispiele manifestierten sich zwar in den Bücherverbrennungen der Nazis, der stalinistischen Zensur der 1930er bis 1950er Jahre, dem argentinischen »Schmutzigen Krieg« der 1970er Jahre oder in China während der Kulturrevolution. Aber heute erleben wir weltweit ein Wiederaufleben dessen, was die französische Historikerin und Kuratorin Sonia Combe als »verdrängtes« Archiv definiert, das aus der Machtausübung des Staates über die historische Zunft resultiert.2 Wir sehen eine weit verbreitete Entwicklung hin zu staatlicher Kontrolle über Informationen und Narrative sowie der gezielten Bereinigung nationaler Erinnerungsspeicher. Von nationalen Sicherheitsgesetzen, die auf die Zerschlagung der Pressefreiheit in Hongkong, Indien oder der Türkei abzielen, bis hin zu lokalen Auseinandersetzungen darüber, was Bürger:innen in den USA oder Polen lesen dürfen, zeigt sich: Das demokratische Kriterium des offenen Zugangs zu Archiven wird weltweit zunehmend systematisch unterdrückt.
Wohl nirgendwo auf dem europäischen Kontinent ist der Angriff auf das kollektive Gedächtnis so akut und zentral von oben verordnet wie in Belarus – einem Land im geografischen Zentrum Europas. Allein in den vergangenen 20 Jahren hat sich in Belarus die Zahl der als »extremistisch« eingestuften Bücher vervierfacht. Mindestens 24 Übersetzer:innen, Dichter:innen, Publizist:innen und Literaturwissenschaftler:innen befinden sich in Haft oder stehen unter Hausarrest. Besonderen Druck übt das Regime auf Verlage aus, die Literatur in belarussischer Sprache drucken und verbreiten. Nach 2020 wurden fünf unabhängige Verlage aufgelöst, zwei weitere wurden gezwungen, ihre Arbeit einzustellen. Obwohl in der belarussischen Verfassung zwei Sprachen als Amtssprachen festgelegt sind und 1991 80 Prozent der Bürger:innen Belarussisch als ihre Muttersprache angaben, wurde 2019 nur noch jede zehnte Schülerin und jeder zehnte Schüler auf Belarussisch unterrichtet.
Angesichts der dort verübten Menschenrechtsverletzungen muss Belarus dringend wieder ins internationale Rampenlicht rücken.
Im März veröffentlichte die Schriftstellervereinigung PEN Belarus, die vom Staat als »extremistische Vereinigung« eingestuft wurde, gemeinsam mit Menschenrechtsaktivist:innen und Kulturschaffenden eine Erklärung, in der sie die Repressionen gegen unabhängige Verlage, Buchhändler:innen und Kulturorganisationen verurteilt und diese Maßnahmen als »eine systematische staatliche Politik zur Auslöschung abweichender Meinungen und zur Begehung von Ethnozid« bezeichnet.3
Angesichts der dort verübten Menschenrechtsverletzungen ist Belarus ein Staat, der dringend wieder ins internationale Rampenlicht rücken muss. Dabei sollte die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft den Bemühungen seiner Intellektuellen gelten, die Kultur des Landes, das kritische Denken und die belarussische Sprache zu bewahren. Immerhin handelt es sich um die Sprache des ersten in Osteuropa gedruckten Buches – von Francysk Skaryna aus dem Jahr 1517, dem Jahr, in dem Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlichte –, die nun einem beispiellosen Druck ausgesetzt ist.
Die Auslöschung des Wissens
Betrachtet man die Zensur in Belarus aus rein statistischer Sicht, könnte man sie leicht als geringfügige Anomalie missverstehen. Auf der »Republikanischen Liste extremistischer Materialien«4, die online auf der Website des Informationsministeriums der Republik Belarus verfügbar ist und seit September 2008 Einträge erfasst, erscheint die Zahl der verbotenen Bücher beruhigend gering. Das insgesamt 2236 Seiten umfassende Dokument, das »extremistische« Onlineressourcen, Musik, Foto- und Videoproduktionen sowie Abzeichen, Stempel usw. auflistet, enthält etwa 160 Buchtitel. Viele darunter sehen tatsächlich wie Texte aus, bei denen sich eine Zivilgesellschaft darauf einigen könnte, dass sie nicht öffentlich verbreitet werden sollten: neonazistische Literatur, antisemitische Traktate oder ultranationalistische Propaganda des russischen Faschismus.
Jedoch wurde das ursprünglich 2007 verabschiedete Gesetz »Zur Bekämpfung des Extremismus« seither mehrfach novelliert. 2016 wurde es um die strafrechtliche Verantwortlichkeit für Extremismus und die Teilnahme an Feindseligkeiten erweitert. Und im Gefolge der Massenproteste gegen die Wahlfälschung wurde 2021 eine neue Definition von »Extremismus« erlassen, wobei festgelegt wurde, dass Menschen für die Finanzierung extremistischer Aktivitäten haftbar gemacht und wann Bürgergruppen als »extremistische Gruppierungen« eigestuft werden können. Gemäß Strafgesetzbuch definiert der Staat nun als »extremistische Handlungen« jede »Planung, Organisation, Vorbereitung oder Durchführung von Handlungen«, die angeblich »die Unabhängigkeit, territoriale Integrität, Souveränität, verfassungsmäßige Ordnung oder öffentliche Sicherheit der Nation beeinträchtigen«, und zwar anhand eines breiten Spektrums das 18 Punkte umfasst.5
Als Gefahr für die nationalen Interessen gelten Irvine Welsh, Chuck Palahniuk und Jeffrey Eugenides.
Auf einer der ersten Seiten des »Republikanischen Verzeichnisses extremistischer Materialien« findet sich der Bildband »Belarus Press Photo 2011«6, das die Gewinner:innen des im Jahr zuvor abgehaltenen Fotojournalismuswettbewerbs zeigt – jenes Jahres, das von den Präsidentschaftswahlen und brutal niedergeschlagenen Protesten geprägt war. Das Bezirksgericht Oschmyany urteilte, es enthalte »wissentlich falsche Informationen über politische, wirtschaftliche, soziale und andere Bereiche, die den Nationalstolz und die Würde der Bürger der Republik Belarus diskreditieren« – eine Behauptung, die an sich schon absurd ist, da das Ziel jeder fotojournalistischen Tätigkeit darin besteht, die Realität zu dokumentieren, nicht zu diskreditieren oder Propaganda zu betreiben. »Wenn ein Foto zeigt, wie ein Polizist jemanden schlägt, ist das Problem nicht, dass ich das Bild aufgenommen habe, sondern dass der Polizist Gewalt anwendet«, entgegnete einer der Preisträger, der unabhängige belarussische Fotograf Alexander Vasukovich.7
Zu den weiteren als »extremistisch« eingestuften Büchern gehören »Aufsätze zur Geschichte von Belarus, 1795-2002« des Historikers Vaclaw Lastouski, der Gedichtband »Ausgewählte Werke« der in den Gulag verschleppten Schriftstellerin Larysa Heniyush, »Der Kodex der Abwesenheit« des zeitgenössischen belarussischen Philosophen Valiancin Akudovich sowie »Der zufällige Präsident« der Journalist:innen Pavel Sheremet und Svetlana Kalinkina. Sheremet kam bei einer Bombenexplosion ums Leben, sein Tod wurde von den ukrainischen Justizbehörden als Mord eingestuft.8
Obwohl diese Titel verschiedene Epochen der Landesgeschichte widerspiegeln, haben sie einiges gemeinsam: Sie alle dokumentieren und schildern kritisch eine vergangene und gegenwärtige Realität, die das Regime aus dem kollektiven Gedächtnis löschen will: die langjährige Tradition einer unabhängigen belarussischen nationalen Identität, die brutale sowjetische Repression und die systemische Korruption unter der gegenwärtigen Diktatur. Die Auslöschung dieses Wissens erfolgt durch die Aneignung des ausschließlichen Rechts auf die Interpretation der Archivbestände seitens des Regimes.
Parallel zu dieser Zusammenstellung zirkuliert eine weitere offizielle, regelmäßig aktualisierte Liste mit »gedruckten Veröffentlichungen, die Informationsbotschaften und/oder Materialien enthalten, deren Verbreitung den nationalen Interessen der Republik Belarus schaden könnte«.9 Im August 2026 umfasste dieses zweite Verzeichnis 258 Namen und enthielt Einträge, die nicht weniger überraschend sind als die vom Staat kriminalisierten Akademiker:innen. Unter Verdacht der »potenziellen Gefährdung der nationalen Interessen« stehen demnach die Schriftsteller Irvine Welsh (zehn verbotene Titel), William S. Burroughs und Ryu Murakami (jeweils fünf zensierte Bücher) sowie Chuck Palahniuk und Jeffrey Eugenides (jeweils zwei Titel). Bei der Einreise nach Belarus wäre ihnen ein Platz im Gefängnis sicher.
Kulturkämpfe in den USA, Zensur in Belarus
Gemessen an der enormen Fülle der Nationalbibliografie, die hunderttausende von Einträgen umfasst und jedes technische Handbuch, jede staatliche Broschüre, jeden Nachdruck aus der Sowjetzeit und jedes Lehrbuch erfasst, das in den vergangenen 30 Jahren veröffentlicht wurde, machen die insgesamt 418 verbotenen oder als »extremistisch« eingestuften Bände – selbst wenn man diese beiden Listen zusammenzählt – lediglich 0,2 Prozent des Gesamtkatalogs aus. Zieht man davon die tatsächlich gefährlichen oder hasserfüllten Titel ab, wäre die Zahl sogar noch geringer.
Im Vergleich zu den 8005 Titeln, die seit dem Jahr 2000 in den USA zensiert wurden – dem Land, das derzeit weltweit am meisten Bücher verboten hat10 –, mögen die 418 belarussischen Titel zunächst nicht als Grund für dringende Wachsamkeit erscheinen. Dies ist jedoch eine statistische Illusion.
Außenstehende, die Buchverbote im Westen kennen, denken vielleicht an lokale, stark dezentrale Konflikte: eine Sittenpolizei oder Kulturkrieger:innen, die Schulbehörden und Bezirksbibliotheken auffordern, bestimmte Themen oder Autor:innen zu überprüfen oder zu entfernen. In Ländern wie den USA wird dies oft durch Marktkräfte ausgeglichen: Wenn eine Schulbehörde einen Text zensiert, bleibt der freie Markt davon unberührt, und der oder die Autor:in kann sogar einen Anstieg ihrer oder seiner landesweiten Verkaufszahlen verzeichnen. Besonders neugierige Bürger:innen haben nach wie vor die Möglichkeit, das umstrittene Buch online zu kaufen oder es auf einem digitalen Gerät in ihrem Wohnzimmer zu lesen. Und kaum jemand ist physischen Gefahren oder staatlicher Strafverfolgung ausgesetzt, weil er es kauft oder besitzt.
Das belarussische Modell fällt in eine ganz andere Kategorie. Dort steht hinter einem Buchverbot ein zentralisiertes, vertikales Programm staatlich verordneter kultureller Auslöschung, vergleichbar mit dem Nationalen Sicherheitsgesetz in Hongkong, das zur Beseitigung von hunderten prodemokratischen Titeln und zur erzwungenen Schließung unabhängiger Redaktionen führte. Landet im heutigen Belarus ein Titel auf der schwarzen Liste, wird er aus Buchhandlungen, Schulen sowie öffentlichen Büchereien und Gefängnisbibliotheken entfernt. Höchstwahrscheinlich wird der oder die Verleger:in festgenommen und als »extremistisch« eingestuft. Der Verlag wird entweder aufgelöst oder zur Schließung gezwungen. Inzwischen ist sogar belegt, dass die von den belarussischen Behörden als »extremistisch« eingestuften Bücher vernichtet werden.11
»Eine wahrhaft gewaltige Waffe«
Um zu verstehen, warum das Regime in Minsk mit derart unverhältnismäßigen Maßnahmen vorgeht, genügt es, den Zensor:innen selbst das Wort zu erteilen. Deutlich äußerte sich beispielsweise Igor Buzovsky, der stellvertretende Informationsminister und ein zentrales Mitglied der staatlichen Kommission zur Durchsetzung von Internetbeschränkungen in Belarus. Während einer Diskussionsrunde zum Thema politischer Journalismus, die im Juli 2022 bei der regierungsnahen Union der belarussischen Schriftsteller stattfand, wählte er Worte, die die Mechanismen totalitären Denkens offenlegen:
In Belarus werden als ›extremistisch‹ eingestufte Bücher vernichtet.
»Es ist ein großer Segen, dass wir sie nicht sehen, dass wir den Willen, die Kraft, das Verständnis und das Bewusstsein besitzen, dass das Buch eine wahrhaft gewaltige Waffe ist – ja, die mächtigste überhaupt. Das Unvermögen zu begreifen, dass ein Buch ein weitaus wirkungsvolleres Instrument und eine weitaus wirkungsvollere Waffe ist als vielleicht Raketen und Panzer, ist genau das, was letztendlich dazu führt, dass eben diese Raketen und Panzer eingesetzt werden müssen. Soziale Revolutionen und Umwälzungen entstehen zum Teil durch die Handlungen und Initiativen der Eliten. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Eliten nur fünf Prozent der Gesellschaft ausmachen, die Bücher lesen und gesellschaftliche Prozesse prägen. Die Eliten sind diejenigen, die schreiben und lesen. Wenn wir diese Prozesse vernachlässigen und diese Richtung aus den Augen verlieren, haben wir keine Zukunft.«12
Dieses offene Eingeständnis entlarvt die Rhetorik des Regimes. Erstens bestätigt Buzovsky Satz »Es ist ein großer Segen, dass wir sie nicht sehen« offiziell die Existenz der Zensur, die die belarussische intellektuelle Landschaft unter Kontrolle hält. Zweitens erklärt Buzovskys explizite Angst vor den »fünf Prozent der Gesellschaft, die Bücher lesen und gesellschaftliche Prozesse prägen«, warum das Regime so auf die kulturelle Avantgarde zielt: auf Historiker:innen, Schriftsteller:innen, Journalist:innen und unabhängige Verleger:innen, die die belarussische Sprache am Leben erhalten.
Ece Temelkuran, eine türkische Schriftstellerin im Exil,13 sprach am 30. Juni während einer Podiumsdiskussion am Literarischen Kolloquium Berlin über die derzeit von neofaschistischen Regimen angewandten Methoden und Praktiken und nannte als eine wesentliche die »Mobilisierung der Unwissenheit«. Ausgehend von den höheren Ebenen der Machtstrukturen wirkt diese in die gesamte Gesellschaft hinein und verstärkt sich dort, wodurch sie nicht nur die Zukunft der »fünf Prozent der lesenden Eliten« prägt, sondern überall Angst, Konformismus und Ignoranz erzeugt.
Verlagswesen als Extremsport
Die rechtlichen und physischen Repressionen haben unweigerlich einen massiven Exodus ausgelöst. Nach Angaben des PEN Belarus wurden nach den Protesten von 2020 fünf unabhängige belarussische Verlage aufgelöst: Limarius und Halijafy im Jahr 2022, gefolgt von Januskievic, Knihazbor und Zmicier Kolas im Jahr 2023.14 Der Gründer des letztgenannten Verlags, der Übersetzer Dzmitry Kolas, befindet sich in Haft,15 die Aktivitäten seiner 1998 gegründeten Edition, die sich auf belarussische Übersetzungen der Weltliteratur spezialisiert hatte, wurden eingestellt.
Abgesehen von diesen fünf offiziellen Liquidationen waren zwei weitere Verlage gezwungen, ihre Tätigkeit einzustellen: Medisont im Jahr 2022 und Technalohiya in diesem Jahr. Als die Behörden Technalohiya schlossen, verhafteten sie die gesamte Familie des Gründers Vatslau Bahdanovich. Zudem stempelten sie kürzlich den in Krakau ansässigen Verlag Gutenberg Publisher sowie das gemeinsame Verlagsnetzwerk aus Kamunikat.org, Januskievic und Lohvinau als »extremistisch« ab. Als der beim Gründer des letztgenannten Verlags, Ihar Lohvinau, erschienene Bildband »Belarus Press Photo 2011« als »extremistisch« eingestuft wurde und die Behörden ihm die heimische Verlagslizenz entzogen, verlegte Lohvinau, der lange Zeit unter erheblichem Druck gearbeitet hatte, seine Produktion schließlich nach Litauen.
Das Regime zielt auf die kulturelle Avantgarde: Historiker, Schriftsteller, Journalisten und unabhängige Verleger.
Das raue politische Klima untergräbt unweigerlich die körperliche und seelische Gesundheit der verbliebenen Fachleute der Branche. Im Februar dieses Jahres verstarb Roman Zymberov, der 44-jährige Dichter, Verleger und Inhaber der Online-Buchhandlung kniger.by, nach einer plötzlichen Erkrankung. Er hatte sich entschieden, in Belarus zu bleiben und seine Arbeit fortzusetzen.
Ein Beispiel, das die Logik der strukturellen Gewalt des Regimes verdeutlicht, ist die Geschichte des Verlags Halijafy, der 2007 vom experimentellen Dichter, Schriftsteller und Künstler Zmicier Vishniou und dem Schriftsteller Michas Bashura gegründet wurde. Der Verlag, der sich auf die Veröffentlichung zeitgenössischer Belletristik, von Werken der poetischen Avantgarde und Kinderliteratur in belarussischer Sprache spezialisiert hatte, stellte neue Autor:innen vor und kuratierte ein lebendiges Archiv des modernen Denkens in einer kreativen Realität, die parallel zu der offiziellen Realität unter staatlicher Kontrolle existierte. Laut Vishniou veröffentlichte ihr Verlag jährlich bis zu 50 neue Bücher: »Im Lauf von 15 Jahren haben wir buchstäblich das Wachstum unserer eigenen Leserschaft geprägt«, sagte er 2022 in einem Interview. Doch während seiner gesamten Tätigkeit sah sich Halijafy, wie viele andere Verlage auch, mit zahlreichen Hindernissen konfrontiert. Die Verlagsbuchhandlungen wurden wiederholt zur Schließung gezwungen, und die spezielle Druckgenehmigung – ein vom Informationsministerium ausgestelltes Pflichtdokument – drohte wiederholt verweigert zu werden. Das Schicksal des Verlags wurde im Frühjahr 2022 besiegelt, als die Behörden seinen Betrieb einstellten und seine Buchhandlung in Minsk schlossen, wobei sie angebliche Verwaltungsverstöße als Vorwand nutzten, darunter die versäumte rechtzeitige Meldung von Änderungen der Registrierungsdaten an die zuständigen Behörden. Angesichts der drohenden Strafverfolgung verließ Vishniou das Land. In seinen Worten ist das Verlagswesen in Belarus ein »Extremsport«.16
Das prekäre Exil
Der Schwerpunkt der belarussischen Literatur hat sich inzwischen ins Ausland verlagert. Sie lebt nun in vielfältigen, oft auch spezialisierten Zentren, die geografisch von London bis Vilnius verstreut sind. Je nach Zählung existieren bis zu 30 Exilverlage.17 Einige haben einen engeren Schwerpunkt, wie beispielsweise das in Berlin ansässige hochroth Minsk, ein Imprint des Hochroth Verlags, das seit 2022 vom im Exil lebenden Dichter und Verleger Dmitry Strotsev geleitet wird und sich hauptsächlich auf Lyrik konzentriert. Andere können auf tiefe historische Wurzeln verweisen, wie die Londoner Skaryna Press, die sich parallel zur historischen Francis Skaryna Belarusian Library and Museum entwickelt hat. Skaryna Press verfügt über ein äußerst umfangreiches Programm, das von Anthologien queerer Literatur bis hin zu historischen Fotoalben reicht.
Der Schwerpunkt der belarussischen Literatur hat sich ins Ausland verlagert.
Die aktuelle Krise der unabhängigen belarussischen Verlagsbranche sei »beispiellos«, sagt der in Berlin lebende Verleger Dmitry Strotsev im Gespräch mit der Autorin. Allerdings treffe diese These nur dann zu, wenn wir allein von Belarus sprächen und nicht zurück in die Geschichte blickten, in der es zahlreiche Präzedenzfälle gibt. Als Beispiel nennt Strotsev den Boom der russischsprachigen Exilverlage im Berlin der 1920er Jahre, von denen es zeitweilig 200 gab. Das Verlegen im Exil habe allerdings eine begrenzte Lebensdauer. Angesichts strategischer wirtschaftlicher Erfordernisse müssten die Verlage sich entweder anpassen oder verschwinden: »Wenn Bücher, die außerhalb von Belarus veröffentlicht wurden, das Land noch erreichen und dort verbreitet werden könnten – wie es vor 2020 der Fall war –, wäre der Ort ihrer tatsächlichen Veröffentlichung unerheblich. Doch derzeit sind wir abgeschnitten. Derzeit sind weder Buchhandlungen noch einzelne Leser:innen in Belarus bereit, das Risiko einzugehen, Bücher von ›extremistischen‹ Verlagen zu behalten, stattdessen entledigen sie sich dieser mit allen Mitteln. Wie können Verlage unter solchen Bedingungen, ohne eine aktive Leserschaft, überleben und sich weiterentwickeln? Die Geschichte zeigt, dass die meisten Verlage im Exil buchstäblich innerhalb weniger Jahrzehnte verschwinden.« Er fährt fort: »Belarussische Verlage im Ausland befinden sich derzeit in einer entscheidenden Phase – einer Hochphase, in der wir maximale Anstrengungen unternehmen müssen, um sicherzustellen, dass alles, was wir geplant haben, auch tatsächlich das Licht der Welt erblickt. Wir müssen so viele Bücher wie möglich in die Hände wunderbarer Bibliotheken und Universitäten bringen, denn darauf wird unweigerlich ein Niedergang folgen, ausgelöst durch verschiedene interne Probleme, unkluge wirtschaftliche Entscheidungen und einen allgemeinen Verlust des kreativen Gleichgewichts.«
Zensur und die Zukunft Europas
Angesichts der derzeitigen Hinwendung zu autoritären Regierungsformen rückt logischerweise die Frage der Zensur in den Vordergrund. Und Belarus, das seit langen Jahrzehnten unter diktatorischer Herrschaft steht, scheint die Avantgarde dieses Trends zu bilden. Die dortigen Zensuranstrengungen sind vor allem auf die Intellektuellen ausgerichtet, beschränken sich aber nicht auf diese. Die Spaltung der Nation in sich selbst zensierende oder unkritische Insider:innen einerseits und im Exil lebende Kreative andererseits droht zur Zukunft eines polarisierten Europas zu werden, das bereits jetzt in einigen Bereichen mit staatlich verordneter Kontrolle konfrontiert ist.
In einem kürzlich erschienenen Interview nannte Ai Weiwei – einer der einflussreichsten zeitgenössischen Künstler, der sich bereits seit einem Jahrzehnt im Exil befindet – ein Beispiel für digital unterstützte, fast futuristische Zensur, der er in seiner Heimat China ausgesetzt ist. Nachdem er DeepSeek, eine chinesische KI-Plattform, um Informationen über sich selbst gebeten hatte, erhielt er eine ausweichende Antwort: »Lassen Sie uns über etwas anderes sprechen.«18 Konfrontiert mit chinesischen digitalen Ausflüchten und den physisch vernichteten »extremistischen« Büchern in Belarus, kann sich Europa nicht den Luxus leisten, untätig gegenüber autoritären Entwicklungen und digitaler Abhängigkeit zu bleiben. Das würde die »Mobilisierung der Ignoranz« nur noch weiter anheizen. Die Frage ist: Wann fangen wir an, voneinander zu lernen?
Übersetzung: Steffen Vogel
1 Jacques Derrida, Archive Fever. A Freudian Impression, Chicago 1996, S. 3.
2 Zit. nach: ebd., S. 4.
3 Statement on the Systemic Persecution in the Book Sector and the Designation of Literary Organisations as »Extremist Formations«, penbelarus.org, 19.3.2026.
4 Министерствo информации Республики Беларусь, Республиканский список экстремистских материа-лов, mininform.gov.by.
5 Уголовный кодекс Республики Беларусь, pravo.by.
6 Все фотографии победители ПРЕСС-ФОТО БЕЛАРУСИ 2011, photoclub.by, 14.3.2011.
7 Zit. nach: Ошмянский суд ищет »экстремизм« в альбоме »Пресс-фото Беларуси – 2011« (дополняется), spring96.org, 17.4.2013.
8 Александр Савицкий, Кто убил Шеремета? В Киеве прошло первое заседание суда, dw.com, 4.9.2020.
9 Список печатных изданий, содержащих информационные сообщения и (или) материалы, распространение которых способно нанести вред национальным интересам Республики Беларусь, mininform.gov.by.
10 Books Banned by Country, banned-books.org.
11 Власти впервые подтвердили, что уничтожают издания, которые объявляют экстремистскими, nashaniva.com, 2.6.2024.
12 Belarus Segodnya, Круглый стол о политической публицистике в Союзе писателей Беларуси | ПРЯМОЙ ЭФИР, youtube.com.
13 Vgl. Ece Temelkuran, Gemeinschaft der Heimatlosen. Vom inneren und äußeren Exil zur neuen Handlungsmacht, in: »Blätter«, 5/2026, S. 77-83.
14 Banned books lists, bannedbooks.penbelarus.org.
15 Dzmitry Kolas, prisoners.spring96.org.
16 Змитер Вишнев: »Галіяфаў« больше не будет, и у книжного пространства при нынешнем режиме нет перспектив, nashaniva.com, 25.8.2022.
17 John Maher, Exiled Belarusian Publishers Share 2025 IPA Prix Voltaire, publishersweekly.com, 3.6.2025.
18 Anthony Mason und Meghan Fitzpatrick, Ai Weiwei warns of worsening censorship in the West: »No longer defending very basic humanity«, cbsnews.com, 27.5.2026.