Die Fundamentalisten in Iran haben es in den vergangenen 20 Jahren geschafft, nahezu alle staatlichen Institutionen zu durchsetzen. Ihr Einfluß reicht über Armee und Polizei nebst den Schlägertrupps der Ansar-e Hisbollah (Anhänger der Partei Gottes), Geheimdienste, Justiz und Medien bis weit in die Privatsphäre der meisten Iraner. Und dennoch erlitten die religiösen Dogmatiker bei den Präsidentschaftswahlen im Mai 1997 eine herbe politische Niederlage. Obwohl die Fundamentalisten alles in Bewegung setzten, um ihrem Frontmann Nateg Nuri durchzubringen, siegte mit breiter Mehrheit Mohammad Chatami. Ihn, der als vergleichsweise moderat und weltoffen gilt, unterstützten vor allem Frauen, junge Menschen und Intellektuelle. Seit dem Sieg Chatamis beherrscht der Machtkampf zwischen den radikalen Islamisten und gemäßigten Kräften die politische Szenerie des Landes. Mit Chatami, dem ersten frei gewählten Präsidenten der Islamischen Republik Iran, begann eine neue Ära. Das Wahlresultat machte deutlich, daß die Menschen trotz langjähriger Demütigungen und Bevormundungen seitens einer zeitfremden Führung imstande sind, ihrem Unmut Luft zu machen. Chatami übernahm mit seinem Versprechen, eine andere Politik zu verfolgen und eine freiere Gesellschaft zu schaffen, allerdings keine allzu leichte Aufgabe.
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.