Ausgabe Mai 2000

Atomausstieg: Der grüne Bluff

Die Atomwirtschaft will das Thema Ausstieg aussitzen, und die rot-grüne Bundesregierung bestärkt sie in dieser Absicht. Waren Teile der Wirtschaft zu Beginn der 90er Jahre noch zu "Zugeständnissen" bereit, verteidigen die Branchenvertreter heute unisono den Bestandschutz des atomaren Kraftwerkparks. Im Dezember 1992 traten die Chefs von Veba und RWE mit einem "Entwurf für einen Energie-Konsens" an die Öffentlichkeit. Sie wollten politische Reibung vermeiden und dafür Ballast abwerfen - ein Vorstoß, der auch in der eigenen Branche für Überraschung und Protest sorgte. Im Vordergrund stand der Verzicht auf die kostspielige und unsinnige Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente und infolgedessen der Verzicht auf die MOX-Brennelemente-Fabrik in Hanau. Der Entwurf enthielt auch den Verzicht auf eine weitere Erkundung des Salzstocks Gorleben, dessen Eignungshöffigkeit von jeher nur auf dem Papier bestand. Der Dominoeffekt: Folglich mache die Pilot-Konditionierungsanlage (PKA) in Gorleben keinen Sinn mehr. Im Gegenzug insistierten die Vertreter von RWE und Veba auf einer Genehmigung des Schachts Konrad für die Einlagerung der schwach- und mittelaktiven Atommüllberge.

Die Atomkraft war zu jener Zeit bereits ein Auslaufmodell und wäre es auf diesem Wege auch "offiziell" geworden.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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