Ausgabe Dezember 2000

Wir stehen auf für Menschlichkeit und Toleranz

Rede von Bundespräsident Johannes Rau anläßlich der Berliner Demonstration am 9. November 2000 (Wortlaut)

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Wir alle wären froh, wenn diese Demonstration nicht notwendig wäre. Aber leider ist sie notwendig. Darum ist es gut, dass wir alle hier stehen. Darum sagen wir: Wir stehen auf für Menschlichkeit und Toleranz. Jeder steht hier für sich. Wir stehen hier aber auch gemeinsam für die große Mehrheit der Deutschen und aller, die in Deutschland leben. Ja, diese Demonstration ist ungewöhnlich. Es geht heute nicht um Forderungen einer bestimmten Gruppe an den Staat. Hier und heute demonstrieren Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit den Repräsentanten unseres Staates.

Wir wollen heute ein Zeichen setzen: Deutlich und unübersehbar. Ein Zeichen für uns selber, ein Zeichen für unser Land. Ein Zeichen aber auch für alle unsere Nachbarn und Freunde in der Welt, die sich wie wir - Sorgen machen über Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwäche. Wir beklagen fast hundert Tote, die seit 1990 Opfer rechtsextremer Täter geworden sind. Wir trauern mit ihren Angehörigen, die fassungslos sind. Sie müssen jede Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Fast einhundert Tote. Sie wurden umgebracht, weil sie anders waren: Weil sie als Ausländer oder als Obdachlose als Freiwild angesehen wurden. Manche starben als zufällige Opfer hemmungsloser Lust am Quälen.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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