Ausgabe Mai 2002

Der zweite Stiefel

Es gibt diesen klassischen Witz von einem alten Juden, der jede Nacht durch zwei dumpfe Schläge an die Wand geweckt wird. Schuld daran ist sein Nachbar, der seine Stiefel in hohem Bogen von sich schleudert, wenn er von der Spätschicht nach Hause kommt. Eines Tages trifft der alte Mann seinen Nachbarn auf dem Gang und klagt über die allnächtliche Tortur. Als der Arbeiter an diesem Abend nach Hause kommt, wirft er aus Gewohnheit den ersten Stiefel an die Wand, dann fällt ihm das Gespräch mit dem alten Mann wieder ein. Behutsam zieht er den zweiten Stiefel aus, stellt ihn unter das Bett und legt sich schlafen. Zwei Stunden später wecken ihn verzweifelte Rufe aus dem Zimmer nebenan: "Wann werfen Sie denn endlich den zweiten Stiefel?"

Wenn ich die Reden der Kreml-Bürokraten höre, Interviews mit ihnen lese und ihre Fernsehauftritte sehe, muss ich aus irgendeinem Grund stets an jenen alten Juden denken. Schon eine ganze Zeit lang scheint es, als warteten die russischen Behörden auf allen Ebenen gespannt darauf, dass der zweite Stiefel endlich an die Wand knallt. Der erste Schlag erfolgte im letzten Sommer, als die Ölpreise zu fallen begannen. Die veränderte Wirtschaftskonjunktur schien plötzlich all die Probleme sichtbar zu machen, die zu lösen eineinhalb Jahre lang niemand auch nur versucht hatte.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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