Ausgabe Juli 2003

Ist das Völkerrecht noch zu retten?

Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass der Irakkrieg das Gewaltverbot der UN-Charta verletzt hat. Der Schaden, den das Völkerrecht genommen hat, geht aber viel weiter. Auch in älteren, historisch tieferen Schichten wurden Strukturen zerstört, die der Kriegsverhinderung dienten. Betrachten wir die Anstrengungen der letzten tausend Jahre: Drei verschiedene Epochen suchten die Kriegsverhütung auf drei verschiedene Weisen zu erreichen – die mittelalterliche, die klassische und die moderne Epoche. Zunächst kam im Mittelalter der Gedanke auf, dass nur "gerechte Kriege" erlaubt seien. Sie mussten moralisch-religiös begründet sein – sonst fielen sie unter das Verdikt des Papstes. Nachdem diese Instanz aber ihre Autorität eingebüßt hatte – nach der Reformation also – wirkte diese Idee nicht mehr als Kriegshemmer, sondern entfachte im Gegenteil einen Dreißigjährigen Krieg. Sie bewirkte dessen Eskalation, weil sich unter dem Druck der religiösen Moral keine Macht neutral halten konnte. Sie behinderte Friedensschlüsse, weil sie die Kapitulationsbereitschaft beeinträchtigte. Denn infolge der moralischen Komponente musste der Verlierer mit tödlicher Abstrafung rechnen.

Mit dem Westfälischen Frieden begann deshalb eine neue, "klassisch" genannte Epoche des Völkerrechts: Kriege durften nicht mehr als "gerecht" deklariert werden.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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