Ausgabe März 2004

Konstruierte Geschichte

Die Bundestagsfraktion von CDU und CSU hatte sich etwas vorgenommen. Am symbolträchtigen 30. Januar wollte sie im Bundestag über ein Gesamtkonzept zur "Förderung von Gedenkstätten zur Diktaturgeschichte in Deutschland" 1 diskutieren. Was die neudeutsche Begrifflichkeit schon erahnen lässt, wird in ihrem Antrag schnell auf den Punkt gebracht: "Es bedarf eines Konzeptes, das Institutionen und historische Orte beinhaltet, die an beide Diktaturen erinnern. In diesem Zusammenhang sei auf eine Reihe historischer Orte und heutiger Gedenkstätten verwiesen, die von beiden Diktaturen zur Unterdrückung von Opposition und Widerstand genutzt wurden."2 Um die Neuausrichtung deutscher Erinnerungskultur geht es der Unionsfraktion also. Dabei überrascht die Grundsätzlichkeit des Ansatzes. Nach einer kritischen Auseinandersetzung mit den "Nationalen Mahn- und Gedenkstätten" in der DDR fordert sie ein Konzept nationaler Gedenkkultur, in dessen Mittelpunkt ein Kanon teils noch zu errichtender Gedenkstätten stehen soll. Nichts weniger als die Neukonstruktion der geschichtlichen Erinnerung steht offensichtlich zur Debatte.

Doch ganz neu ist das Konzept nicht. Als regionales Vorbild verweisen die Antragsteller auf das Land Sachsen mit seinem gerade verabschiedeten Stiftungsgesetz für die dortigen Gedenkstätten. Der sächsische Wissenschaftsminister Rößler sollte sogar als Gastredner im Bundestag auftreten. Doch damit war der Bogen überspannt.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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