Ausgabe April 2004

Wir brauchen dringend weitere Vanunus

Alles, was Mordechai Vanunu in seinem Leben besaß, setzte er bewusst aufs Spiel, um sein Land und die Welt zu alarmieren: um sie vor einer weiteren Steigerung der nuklearen Gefahren unserer Zeit zu warnen. Der ehemalige Ingenieur in der israelischen Dimona-Atomanlage lancierte Informationen über Israels Atomwaffenprogramm durch eine Veröffentlichung in einer britischen Zeitung an die Weltöffentlichkeit und zahlte dafür einen hohen Preis. Um seiner mutigen und zukunftsweisenden Tat willen hat er eine Last auf sich genommen, die in mancher Hinsicht schlimmer ist als der Tod. Nachdem er 1986 in Italien vom israelischen Geheimdienst entführt wurde, verbrachte er achtzehn Jahre im Gefängnis Ashkelon, mehr als elf Jahre davon isoliert in einer zwei mal drei Meter großen Zelle. Am 21. April soll Vanunu entlassen werden.

Vanunu tat exakt das, was er tun musste und was andere tun sollten. Er lüftete das Geheimnis, dass sein eigenes Land – wie die Vereinigten Staaten, wie Russland und verschiedene andere Mächte – Atomwaffen entwickelt und in einem Umfang gelagert hat, der jeglichen angenommenen Bedarf für Zwecke atomarer Abschreckung weit übersteigt. Offiziell hat Israel bis heute nicht einmal die Existenz seiner Atomwaffen zugegeben. Seiner Beschaffenheit und Größenordnung nach dient dieses Atomwaffenprogramm eindeutig dazu, den Ersteinsatz von Atomwaffen gegen konventionelle Streitkräfte androhen und gegebenenfalls auch durchführen zu können.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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