Ausgabe September 2004

Lateinamerika wandert aus

Während Portugals Expansion in Asien scheiterte und die englisch-holländisch- französischen Kolonialinitiativen in der Regel bis zum frühen 19. Jahrhundert über Handelsniederlassungen kaum hinauskamen, war Spaniens Conquista in Amerika ein durchschlagender Erfolg. Damit begannen Bevölkerungsverschiebungen größten Ausmaßes, die im geographischen Dreieck Europa-Amerika-Afrika einen "atlantischen Raum" konturierten. 1 Das Territorium, welches heute als Lateinamerika gilt, erwarb sich damit im allgemeinen Sprachgebrauch den Ruf, Einwanderungskontinent zu sein.

Heute freilich stimmt der Satz nicht mehr. Lateinamerika mutiert zu einem Kontinent der Auswanderung. Präziser: Lateinamerika, immer deutlicher mit Armut geschlagen, stößt Teile seiner Bevölkerung ab. In einigen Fällen, so Argentinien, Mittelamerika oder Kolumbien, lassen sich gar Anzeichen einer Massenflucht ausmachen. Rette sich wer kann - dieser Satz scheint sich zum Motto unserer Dekade zu kristallisieren. "Wir exportieren Jugendliche", schreibt betroffen Eduardo Galeano, Uruguays sensibler Historiker-Poet, dessen seinerzeitiger Bestseller "Die offenen Adern Lateinamerikas" den Ressourcen-Hunger der metropolitanen Gesellschaften beklagte. Heute hat Lateinamerikas traditionelles Exportangebot keinen Wert mehr.

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema