Ausgabe Januar 2006

EU: Entbürokratisierung als Entdemokratisierung

War da was? Dies ist man ein gutes halbes Jahr nach Ablehnung des EU-Verfassungsvertrags durch Frankreich und die Niederlande geneigt zu fragen. Zumindest bei der EU-Kommission war die Krisenstimmung jedenfalls schnell verflogen; business as usual heißt die Devise. Mehr noch: Kommissionspräsident José Manuel Barroso nutzte die unter dem englischen Ratsvorsitz sich noch verstärkende antieuropäische Stimmung für eine höchst zweifelhafte Argumentation. Während die tatsächlichen Motive und Hintergründe der Abstimmungsergebnisse in Frankreich und den Niederlanden unterschiedlicher nicht sein könnten, will Barroso sie vor allem als Reaktion auf die ausufernde Regelungsmacht der EU verstanden wissen. Angesichts der Massenarbeitslosigkeit in Europa müsse sich die Union deshalb auf wesentliche Kernbereiche besinnen und vor allem Bürokratie abbauen.

Bereits einige Monate vor den Referenden hatte Barroso vom Europaparlament eine Entschließung zur Lissabon- Strategie für Beschäftigung verabschieden lassen, deren schwammige Formulierungen der Deregulierung Tür und Tor öffneten. Der ideologische Rahmen war bereits lange vorher von Interessenverbänden vorgezeichnet worden: Seit Ende der 90er Jahre haben sich in Brüssel immer mehr Industrielobbys, vermehrt auch US-amerikanischer Herkunft, niedergelassen, die die Debatten der EU-Institutionen im Bereich der Lissabon-Strategie gezielt beeinflus- sen.

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Europa

Der Lieferketten-Backlash – und was trotzdem bleibt

von Armin Paasch, Miriam Saage-Maaß

Nach langem Ringen hat das Europäische Parlament am 16. Dezember 2025 dem sogenannten Omnibus-I-Paket zugestimmt, das zentrale Regelwerke des European Green Deal »vereinfachen« soll. Tatsächlich hat die Europäische Volkspartei damit allerdings nicht vereinfacht, sondern vielmehr die »Brechstange« (Manfred Weber, CSU) an die EU-Lieferkettenrichtlinie angesetzt.