Ausgabe Januar 1990

Kurs 127:1

Wiedervereinigung - Der größte Entschuldungscoup aller Zeiten?

Selten war soviel von Geschichte die Rede wie in diesen Wochen seit dem 9. November. Aber der Redeschwall vom "historischen Augenblick", die Beschwörung des sprichwörtlichen "Mantels der Geschichte", den man nun - Bismarck gleich - erhaschen möchte, alle diese Geschichtsrhetorik wird noch übertroffen durch das Ausmaß historischer Vergeßlichkeit. - Macht Geschichte dumm? Die "große Rede" des Bundeskanzlers zu den Perspektiven einer "Wiedervereinigung" gab sich zwar nüchtern; ganz verzichten mochte er auf die allfällige Erklärung "W i r sind die Sieger der Geschichte!" aber auch nicht. Einige Impressionen: Daß die polnische Westgrenze "vergessen" wurde, fiel in der Einheitsbegeisterung des 4. August, pardon: 28. November natürlich niemanden auf. Oder ein anderes: "Keine Vorbedingungen" an die DDR, das ist inzwischen eine feststehende Redewendung geworden, so auch beim Bundeskanzler.

Ihr folgte die Einschränkung freilich auf dem Fuße: "Wirtschaftliche Hilfe kann nur wirksam werden, w e n n grundlegende Reformen des Wirtschaftssystems erfolgen" und - noch deutlicher - "w e n n ein grundlegender Wandel des politischen und wirtschaftlichen Systems in der DDR ... verbindlich und unumkehrbar in Gang gesetzt wird.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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