Ausgabe Januar 1990

Von Bitburg nach Annaberg

Dezember 1970: Ein Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland geht vor dem Denkmal für die Verteidiger des Warschauer Ghettos in die Knie. Das Foto geht um die Welt, macht Geschichte, zeigt ein anderes Deutschland. Mai 1985: Ein Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland schreitet erhobenen Hauptes an der Seite eines Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika über einen Soldatenfriedhof und erweist den Toten die letzte Ehre - auch Waffen-SS-Angehörigen. November 1989: Ein Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland will in Polen Solidarität mit einigen Deutschen demonstrieren und strebt auf den Annaberg.

Er erreicht den Gipfel nicht, umklammert statt dessen einen polnischen Ministerpräsidenten und zwingt ihn in die Umarmung, die Versöhnung ausdrücken soll. Anschließend läßt er sich in der katholischen Universität zu Lublin feiern, freut sich über die Würde eines Ehrendoktors der sozialwissenschaftlichen Fakultät und rennt am vorletzten Tag seines viel zu langen Besuchs in der Volksrepublik Polen im Sturmschritt über die Massengräber von Auschwitz auf die Rampe des Vernichtungslagers Birkenau. Deutsche Zeitgeschichte im Zeitraffer. Willy Brandt zwang es, am Ghettodenkmal zu knien. Kohl zwang Reagan nach Bitburg. Kohl zwang Tadeusz Mazowiecki im Hof des Schlosses Kreisau in Niederschlesien in seine Arme. Für Auschwitz und Birkenau blieb nicht viel Zeit.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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