Ausgabe Juni 1990

Der innere Stachel einer anderen Erfahrung

I

Das Problem ist, daß man die Frage, was von der DDR bleiben wird, was "einbringbar" ist in die Vereinigung, gegenwärtig von Tag zu Tag neu beantworten muß. Vor zwei Monaten hätte ich auf diese Frage noch ganz anders geantwortet als heute. Heute sehe ich, was die uns Frauen spezifisch angehenden Fragen betrifft, sehr, sehr pessimistisch in die Zukunft. Der Unabhängige Frauenverband ist, als er am 3. Dezember 1989 in der Volksbühne zum ersten Mal an die Öffentlichkeit ging, mit einer Zukunftsvision aufgetreten mit der Illusion, von dem in der DDR erreichten Niveau aus nach vorne denkend die Situation der Frauen verbessern zu können.

Heute aber haben wir nicht nur diese Vision verloren, wir müssen sogar Tag für Tag erleben, wie schon ganz normale Dinge, die zum Standard geworden waren, aufgegeben werden, wegrationalisiert und wegradiert werden. Das fängt an bei Pressemeldungen über wachsende Frauenarbeitslosigkeit. Das geht weiter mit dem selbstherrlichen Vorgehen neuer Eigentümer in Sachen Betriebskindergärten, Betriebskinderkrippen. Weiter gibt es das Eindringen von sexistischer Literatur in die DDR, die Ausbreitung von Prostitution... Wir sind also in der Situation, von den Visionen wegkommen und Gegenstrategien entwickeln zu müssen gegen den Abbau bereits erreichter Standards. Schwer zu sagen, was eigentlich bleiben wird...

Juni 1990

Sie haben etwa 14% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 86% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema