Ausgabe November 1991

Das Gesicht der Vereinigung

Die am häufigsten bemühte Metapher der deutsch-deutschen Vereinigung ist die des Liebespaares, das durch widrige Umstände und böse Mächte lang nicht zueinander kommen konnte und unzähliche Hindernisse überwinden mußte, um sich endlich zu kriegen. Auch das Medienspektakel schien oft auf diese Metapher hin inszeniert. Wie sehr sich die Verliebten nacheinander sehnten, wie zärtlich und heimlich sie voneinander sprachen, wie sie sich endlich in den Armen lagen und den himmlischen vier Mächten sei's gedankt, in feierlichem Zeremoniell auch endlich in der rechten Form einander angetraut wurden ... Es war zu schön.

Aber schon Tucholsky beklagte, daß im Film beim Happy-End gewöhnlich abgeblendet wird: Jetzt sind wir kaum ein Jahr vereinigt und die Euphorie ist wahrlich vorbei. Der Mißmut resultiert aber nicht nur aus Politik und Wirtschaft und deren Konsequenzen. Genauso schafft uns - im Osten wie im Westen - der mühselige, lästige, zänkische Alltag des Zusammenlebens. Schon gehen wir uns gegenseitig auf die Nerven mit unsren Eigenarten, die aus der Nähe und täglich betrachtet immer mehr als Schwächen erscheinen. Vor allem aber macht sich Enttäuschung breit, Enttäuschung, weil wir voneinander nicht so einfach bekommen können, was wir erwartet hatten: Anerkennung und Gleichberechtigung die einen, Nähe und Erfolg die anderen.

November 1991

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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