Ausgabe November 1991

Der Streit um die Namen

Straßenumbenennungen als Symptom

In New York und in Mannheim haben die Straßen keine Namen sondern Nummern. Ein glücklicher Einfall der Stadtväter, der ihnen viele Scherereien erspart hat. Zahlen sind feststehend und auch unpolitisch. Ihre Wertigkeit verändert sich nicht, wenn ein neuer Landesfürst den Thron besteigt oder von einer Volkserhebung hinuntergestürzt wird.

Aber Zahlen haben auch so etwas nüchternes und kühles, daß Heimatgefühl beim Anblick oder Klang der eigenen Straßen- oder Hausnummer schwerlich aufkommen dürfte. Namen von Straßen dagegen, ob sie nach Personen, nach Ereignissen, Ideen oder Ortschaften benannt wurden, sind angefüllt mit Emotionen und Erinnerungen, mit dem was Menschen bewegt, die in diesen Straßen leben. Hätten die Straßen in den Städten und Gemeinden der ehemaligen DDR keine Namen sondern Nummern, so bliebe uns der heftige Streit erspart, der seit etwa einem Jahr in der Öffentlichkeit um dieses Thema geführt wird. Vielleicht brauchen wir ihn, damit die Vergangenheit nicht so sang- und klanglos vergeht. Keines der existentiellen Probleme wie etwa Mieterhöhungen, der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Schließung von Kindergärten ruft in den östlichen Bundesländern derart erregte Debatten hervor, wie die Umbenennung von Straßen.

Dabei halten sich Pro und Contra fast überall die Waage.

November 1991

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Micha Brumlik: Ein furchtloser Streiter für die Aufklärung

von Meron Mendel

Als die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel überfiel und anschließend der Krieg der Netanjahu-Regierung in Gaza begann, fragten mich viele nach der Position eines Mannes – nach der Micha Brumliks. Doch zu diesem Zeitpunkt war Micha bereits schwer krank. Am 10. November ist er in Berlin gestorben.