Ausgabe Januar 1992

Perspektiven der Befreiung

Emanzipation und Identität

Die Entdeckung des Kolumbus am 12. Oktober des Jahres 1492 "erschuf" unsere Welt. "Seit diesem Datum ist die Welt geschlossen (obwohl das Universum unendlich wird)...; die Menschen haben nun die Ganzheit entdeckt, deren Bestandteil sie sind, während sie bis dahin ein Teil ohne Ganzes waren" (Tzvetan Todorov). Doch mit der "Erfindung", der Konstituierung der Einen Welt aus dem Geist Europas geht deren Zerstörung einher. Die Entdeckung entgrenzt: aus Entdeckern werden Eroberer, die der Maxime "Alles ist erlaubt" folgen. Die hemmungslose Gier nach Ausbeutung der Schätze der Neuen Welt führt zum beispiellosen Genozid an der "amerikanischen" Bevölkerung. Die Entdeckung des Kolumbus markiert den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Die Moderne, der die Suche nach neuen Grenzen und deren Überwindung genealogisch eingeschrieben ist, steht auch in der Nachfolge der Conquista. 1492-1992: In fünf Jahrhunderten entdeckte, erfand, produzierte und - zerstörte die neue Zivilisation unvergleichlich mehr als alle ihr vorausgegangenen Kulturen.

Januar 1992

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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