Ausgabe April 1992

Die Mühen des Dialogs

Versuch eines Psychogramms der (sudeten)deutsch-tschechischen Beziehung

Das Zusammenleben von Tschechen und Sudetendeutschen als freie Bürger in einem gemeinsamen Staat ist im Herbst 1938 zu Ende gegangen. Das ist inzwischen mehr als fünfzig Jahre her. Was da nach kam, war ein Verhältnis zwischen Siegern und Besiegten, in dem die beiden Parteien nach sieben Jahren nur die Rollen wechselten. Zuerst siegten die Sudetendeutschen. Die Bilder der nach der Besetzung der tschechoslowakischen Grenzgebiete Adolf Hitler zujubelnden Sudetendeutschen sind im tschechischen Gedächtnis bis heute tief eingegraben, unzertrennlich verbunden mit der größten Katastrophe der modernen tschechischen Geschichte, der Zerstörung der ersten tschechoslowakischen Republik.

Die damals erlebten Gefühle der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins dem großen Nachbarn gegenüber, die Enttäuschung über den Verrat der Verbündeten, die aktuelle Bedrohung der nationalen Existenz, die Schmach der kampflosen Kapitulation verdichteten sich zu einem bis in die Gegenwart wirkenden Trauma. Das zeigten unlängst auch die Irritationen im Umfeld der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrages zwischen der CSFR und der BRD. Die Heterogenität dieses "Münchener Komplexes" der aus historischer Erfahrung, Vorurteilen, uralten Ängsten, nationalen Instinkten und allerlei Emotionen besteht, macht seine Unberechenbarkeit aus. Er ist jederzeit aktivierbar - und auch manipulierbar.

April 1992

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.