Ausgabe Juni 1993

West-östliche Mythenverwandtschaft

D e u t s c h l a n d b e g r ü n d e n: "Wir sind das Volk wir sind EIN Volk", skandierten die Menschen in Leipzig und anderswo im Jahre 1989. Die Aussage wiederholte sich nicht zuletzt in der Kanzlerwahl von 1990, die dem Kandidaten der SPD, welcher keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen die Einigung gemacht hatte, eine vernichtende Niederlage bescherte. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker braucht nicht begründet zu werden. Das Problem, mit dem sich Deutschland schwer tut, liegt nicht in irgendeinem künstlichen Begründungsdefizit des Volkeswillen zur Einheit, es liegt darin, daß der Einigungsprozeß an vielen Ecken und Enden hapert. Es liegt auch nicht zuletzt darin, daß die Einigungspolitiker vor der eigenen Courage zurückgeschreckt sind, und, statt die Wahrheit über die unvermeidlichen Kosten der Einheit zu sagen ins Fabulieren ausgewichen sind: "Deutschland ein Herbstmärchen."

Die Notwendigkeit von umfangreichen Transferleistungen hätte sofort benannt werden müssen. Dem Elan des Jahres 1989 hätte dies wahrscheinlich keinen Abbruch getan. Die Bereitschaft zur Solidarität wäre damals sogar vermutlich größer gewesen als jetzt. Auch nicht zuletzt deshalb, weil die Ostdeutschen global als Opfer eines ungleichen Schicksals erschienen und die Westdeutschen ahnten, daß sie eigentlich unverdient den besseren Part erwischt hatten.

Juni 1993

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