Als das Großdeutsche Reich endlich besiegt war und die halbe Welt voller Verachtung auf eine Nation blickte, die die Schuld ungeheuerlicher Verbrechen auf sich geladen hatte, suchten diejenigen, in deren Namen diese Verbrechen begangen worden waren, um die Schande zu mindern, nach den Strohhalmen, mit deren Hilfe sie hofften, sich ins Reich der Moral retten zu können. Es mußte doch noch etwas anderes gegeben haben als den Jubel über die braune Diktatur oder die gehorsame Unterwerfung unter deren Bedingungen, nicht nur den Staat der braunen Batallione, der Gestapo und der Waffen-SS, sondern ein anderes Deutschland, ein besseres Deutschland, bessere Deutsche eben. Die hat es in der Tat gegeben, vor allem in der Emigration, aber auch mitten im Lande der Unmenschlichkeit. Systemgegner, Widerständler, Verweigerer. Nur Kommunisten durften sie nicht gewesen sein, möglichst auch keine Einzeltäter wie Georg Elser oder der unglückliche Schweizer Bavaud, dem kalt war in Brandenburg. Die wurden so schnell vergessen oder übersehen wie der gesamte proletarische Widerstand. Es wurde alles reduziert auf die Geschwister Scholl und die Offiziere des 20. Juli, die ein elendes Ende gefunden hatten.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.