Ausgabe Februar 1995

Die Weise vom sittlichen Staat.

Warum bei Sibylle Tönnies einiges durcheinandergeht

Dem Historiker stellen sich intellektuelle Debatten als eine Art Choreographie der Umorientierung oder (bestenfalls) des Umdenkens dar. Das Hin und Her von Argumenten und der Positionswechsel von Personen lassen veränderte Problemlagen und sich neu verbindende Koalitionen erkennen. Solche Debatten sind keine herrschaftsfreien Diskurse. Sie werden meist asymmetrisch geführt; d.h. der eine Teil findet in der Regel größere mediale Akzeptanz oder gar machtvollen institutionellen Rückhalt.

So haben die Vorstellungen der einen Seite in der Regel eine größere Verbreitung und einen stärkeren "Nachdruck" als die der anderen. Intellektuelle Debatten kann man "pushen", aber nicht erfinden. Sie ziehen nur dann Aufmerksamkeit an sich, wenn sie in ihre Zeit "passen"; was aber nicht heißen muß, daß sie ihre Zeit begrifflich verarbeiten. Besonders aufschlußreich ist es, wenn dem Verlauf einer Debatte unter Berufung auf ein aktuelles Ereignis von historischer Dimension eine andere Richtung gegeben werden kann, wenn dadurch die Möglichkeit besteht, die eigene Definitions- und Zurechnungsmacht zu stärken und die Gegenseite mit dem Verdacht des moralisch Verwerflichen zu überziehen. Das ist bei der Frage, was man nun von den 68ern und ihrem Verhältnis zur Bundesrepublik halten soll, der Fall.

Februar 1995

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Donald Trump und die moderne Konterrevolution

von Bernard E. Harcourt

Mit einer Flut von Präsidialdekreten und Notstandserklärungen hat Donald Trump die Axt an den US-amerikanischen Regierungsapparat und die globale Ordnung gelegt. Er zerschlägt den Verwaltungsstaat, schließt Behörden und entlässt Bundesbedienstete.