Ausgabe Juni 1995

Das Preußische ist uns sowieso ausgetrieben

Die Bundesrepublik zwischen alt und neu (Gespräch)

"Blätter": Die Debatte um den 8. Mai 1945, um Niederlage und Befreiung, Wirkung und Ursache dürfte schon aufgrund der unübersehbaren Zahl der Beiträge bis an die Schmerzgrenze der Politik-Konsumenten gegangen sein. Es scheint an der Zeit, sich um das zu kümmern, was - im Westen des besiegten Deutschland - nach jenem 8. Mai seinen Anfang nahm: die Bundesrepublik. Wie sehen Sie die bundesdeutsche Gründungskonstellation?

Kurt Sontheimer: Der 8. Mai 1945 ist das Datum, von dem aus etwas Neues in Deutschland beginnen konnte. Zunächst war das eine mehr oder weniger exklusive Angelegenheit der Besatzungsmächte, die in ihren jeweiligen Besatzungszonen nach verschiedenen politischen Orientierungen wirkten; der große Unterschied bestand dabei zwischen der Sowjetzone und den Westzonen. Aufgrund der weltpolitischen Veränderungen, die in den Kalten Krieg mündeten, kam es 1949 zur Gründung der Bundesrepublik, die weitgehend vorbestimmt war durch das, was die Westmächte vom Parlamentarischen Rat, der Verfassungsgebenden Versammlung, erwarteten: es sollte ein westliches politisches System werden mit Menschen- und Bürgerrechten, mit einer föderalistischen Ordnung, damit der massive Zentralismus des Dritten Reiches nicht mehr wiedererstehen könne, ein Land der westlichen Welt.

Juni 1995

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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