Ausgabe Mai 1997

Albanien: Afrikanische Verhältnisse?

Der politische Erdrutsch in Albanien wirft Fragen nach der inneren Verfaßtheit des albanischen Staates, den agierenden Kräften und den Einflußmöglichkeiten der äußeren Mächte auf. Erneut ist die internationale Gemeinschaft herausgefordert, Position zu beziehen und eingedenk ihrer Erfahrungen aus dem Bosnienkonflikt schnell zu handeln. Man erinnert sich der gescheiterten Bemühungen der Vereinten Nationen und der USA, Somalia den inneren Frieden zu implantieren. Bis heute ist unklar, welche Therapie von außen in Zaire zu einer Befriedung führen könnte.

Trotz vergleichbarer Szenarien, die geradezu zeitgleich aus Zaire und Albanien Bilder von Chaos und Anarchie, Bandenterror und Flüchtlingselend vermitteln, liegen jedoch die Dinge in Albanien im wesentlichen anders als in Afrika. Das Land - in Reichweite und im Interessenfocus seiner europäischen Nachbarn - ist Teil des Kontinents und begehrt mit dem seit 1992 eingeleiteten gesellschaftlichen Umbruch aus einer totalitären Herrschaft in freiheitlich-demokratische Verhältnisse die Einbindung in die europäischen Strukturen. Sein Rückfall vom politischen Subjekt in ein Objekt internationaler Nothilfe ist Ergebnis eines unbewältigten kommunistischen Erbes im Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaft.

Mai 1997

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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