Zwei Themen beherrschten die Debatte über Hongkongs Rückkehr unter chinesische Souveränität: Menschenrechte und Mutmaßungen über die künftige geopolitische Rolle Chinas. Beide Themen lenken von den eigentlichen politischen Problemen der Region, die den Beginn des 21. Jahrhunderts dominieren werden, völlig ab. Die gegenwärtige Debatte kreist um die Frage, ob China das Menschenrechtsverständnis westlichen Stils, wie es der letzte britische Gouverneur, Chris Patten, in Hongkong eingeführt hatte, respektieren wird. Die Antwort kann nur lauten: Nein. Diese Konzeption individueller Rechte untergräbt nicht nur das momentane chinesische Regierungssystem, sie verstößt auch gegen die politischkulturellen Vorstellungen fast der ganzen Region. Ist China die kommende Supermacht? Die Idee, daß China sich anschicke, den USA machtpolitisch den Rang streitig zu machen, geht auf einen umstrittenen Weltbankreport von 1992 zurück, der Chinas Wirtschaftswachstum mit Hilfe von Kaufkraftkategorien prognostiziert - also indem verglichen wird, was auf den örtlichen Märkten jeweils wieviel kostet. Dies ist jedoch kein angemessenes Mittel, internationale Machtvergleiche vorzunehmen.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.