Ausgabe Oktober 1998

Politisierung des Privaten, Privatisierung des Politischen

Seit Monaten wird die amerikanische Öffentlichkeit in immer neuen Dosierungen und Dossiers über das Sexualleben ihres Präsidenten auf dem laufenden gehalten. Dabei geht es schon lange nicht mehr um den Wahrheitsgehalt der tatsächlichen oder vermeintlichen Affären, sondern darum, wie das Sexualleben des Präsidenten am besten politisch funktionalisiert werden kann. Der Präsident, aber auch seine Widersacher beschäftigen inzwischen ganze Stäbe von Beratern und Juristen damit, in dieser Schlacht Punkte zu machen. Dabei wird die amerikanische Öffentlichkeit beinahe täglich mit neuen Details aus dem Oral Office, wie das Büro des Präsidenten mittlerweile spaßhaft genannt wird, versorgt.

Der Grad der Entpolitisierung dieses Ereignisses läßt sich unter anderem daran ermessen, daß sowohl die Gegner als auch die Freunde des Präsidenten mit denselben Waffen kämpfen. Während die einen das Privatleben des Präsidenten ausschlachten wollen, um ihn mit Hilfe der hohen moralischen Normen, die die moral society in den USA an die Persönlichkeit ihrer Politiker stellt 1), zu Fall zu bringen, machen die anderen aus dem Privatleben des Präsidenten eine Tugend.

Oktober 1998

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema