Ausgabe Juli 2000

Sonnenblume, einbetoniert

Morgens um drei kamen noch einmal ganz harte Sachen auf den Tisch. Zwölf Stunden hatte die Schlussrunde zwischen sozialdemokratischen und grünen Unterhändlern gedauert, dann stand sie doch noch, die Neuauflage von Rot-Grün an Rhein und Ruhr - und die Sozialdemokraten packten den Schnaps aus. "Stellt euch nicht so an, so was trinkt man im Sauerland zum Frühstück", ermunterte SPD-Generalsekretär Franz Müntefering die zaudernden grünen Emissäre. Und die schluckten. Schon wieder. Es waren bittere Wochen gewesen, bis man endlich mit der SPD handelseinig werden durfte. Kaum eine Gelegenheit hatte SPD-Ministerpräsident Wolfgang Clement seit der Landtagswahl vom 14. Mai ausgelassen, um den Grünen zu zeigen, was er von ihnen hält: nichts. Offen flirtete er mit FDP-Stehaufmännchen Jürgen W. Möllemann und behandelte den kleinen Koalitionspartner wie dumme Jusos. Unablässig stichelte er gegen die grüne "Blockiererin" Bärbel Höhn und zog sogar noch bei gemeinsamen Presseauftritten Grimassen, wenn die Umweltministerin den Stand der Gespräche aus grüner Sicht skizzierte.

Doch die grüne "Mutter Courage" und ihre Getreuen haben sich nicht irritieren lassen. In einem Punkt haben sie sich doch durchgesetzt: Sie dürfen in der Regierung bleiben. Getreu dem olympischen Motto: Dabei sein ist alles.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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