Ausgabe September 2000

Milosevic oder Kostunica

Drei Kilo pro Haushalt monatlich - so viel Zucker erhalten die Bewohner von Pozarevac seit Mitte August. Eine Rationierung von Speiseöl ist ebenfalls angekündigt. Eigentlich ist die Landwirtschaft die Stärke jener Region Serbiens, in der die Kleinstadt liegt. Trotz aller Kriegsverwerfungen funktionierte die Nahrungsmittelversorgung in den letzten zehn Jahren, denn die Landwirtschaft zeigte sich zäh. Allerdings geht den Bauern Serbiens allmählich die Luft aus, so auch in Pozarevac. Kein Geld für Diesel und für Saatgut, die Dürre schaffte den Rest. Das Besondere an Pozarevac ist jedoch, dass die "Familie" von dort stammt. Die "Familie" - das weiß jeder in Serbien - bedeutet Präsident Slobodan Milosevic und seine Gattin Mirjana Markovic. Ihr Sprössling Marko betreibt neuerdings auf der "Hauptstrasse" von Pozarevac eine Feinbäckerei. Er musste umsatteln, denn seinen anderen Geschäften in der Stadt - "Madonna", der "größten Diskothek des Balkan", sowie "Bambiland", dem "größten Freizeitpark des Balkan" - geht es schlecht. Nur sporadisch sind sie noch geöffnet, die Serben haben kein Geld für das Vergnügen. Und jetzt auch immer weniger Zucker für den türkischen Kaffee.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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