Ausgabe September 2000

Globalisierungsparadoxien

Das doppelte Inklusionsproblem moderner Gesellschaften

Der Begriff der Solidarität hat zwei alteuropäische Wurzeln. Eine geht auf die heidnisch-republikanische p h i l i a zurück und die andere auf die biblisch-christliche N ä c h s t e n l i eb e. P h i l i a wird von Aristoteles als B ü r g e r f r e u n ds c h a f t bestimmt und scharf von den häuslichen Sippschaftsund Familienbanden abgegrenzt. Netzwerke bürgerlicher Männerfreundschaft sollen die - in der Tagödienliteratur (Orestie) ästhertisch reflektierten - Mafiastrukturen verfeindeter Sippschaften neutralisieren, den Frieden sichern und das Gemeinwohl fördern. "Heilige Ketten der Freundschaft" (Fries/Hegel) halten den "Bürgerbund" (Rousseau/Kant) zusammen und tragen das Ethos des städtischen Lebens. Philia ist ein politischer, öffentlicher und rechtlicher Begriff. Die der republikanischen Bürgerfreundschaft eigentümliche Form der Solidarität ist fest in die Perfektionshierarchie urbaner Oberschichten eingebunden. Ganz anders die vor allem im Christentum zur Fernsten- und Feindesliebe radikalisierte N ä c h s t e n l i e b e. Sie ist unpolitisch oder metapolitisch und - wie es bei Tertullian heißt dem "öffentlichen Leben fremd". 1)

Der eigentliche Ort der Liebesgemeinschaft ist nicht die civitas terrena, sondern die civitas dei.

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Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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