Ausgabe März 2001

Stimmungsumschwung in Tschechien

Im nachhinein kann man die Ernennung des inzwischen zurückgetretenen Hodac zum Generaldirektor des Tschechischen Fernsehens fast als Glücksfall bezeichnen. Die Offensichtlichkeit, mit welcher der Fernsehrat aus allen möglichen Kandidaten denjenigen wählte, der am besten die Voraussetzung erfüllte, zum Handlanger der Demokratischen Bürgerpartei (ODS) von Václav Klaus in dem wichtigsten modernen Medium zu werden, die Diskrepanz zwischen den Fähigkeiten des Kandidaten und den Anforderungen seines Amtes, wie auch sein ungeschicktes Agieren nach der Wahl - dies alles brachte schließlich das Faß zum Überlaufen. Viel zu lange schon hatten sich in der tschechischen Gesellschaft Unmut und Enttäuschung über die Art und Weise aufgestaut, wie sich die Sozialdemokraten (CSSD) und ihre bei den Wahlen von 1998 knapp unterlegenen Gegenspieler von der ODS in einem "Oppositionsvertrag" die Macht teilten und das Land mehr und mehr in eine Spielwiese parteipolitischer Interessen verwandelten. So hatte sich die Mehrheit der Tschechen, die 1989 auf die Straße gegangen die Demokratie nicht vorgestellt. Ratlosigkeit und Skepsis waren überall mit Händen zu greifen. Das Agieren des Fernsehrates geriet in dieser Situation schnell zum pars pro toto für die Machenschaften in der Politik.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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