Ausgabe März 2001

Rußlands Babel

Zum Repertoire nationaler Mythen

Seit der Auflösung der Sowjetunion sucht Russland nach Selbstbildern, die Gegenwart und Vergangenheit verknüpfen, das Bedürfnis nach Einzigartigkeit stillen und mobilisierende Ideen bereitstellen. Die meisten Beobachter stimmen darin überein, dass Russlands Suche nach einer Nationalidee ergebnislos ausging. Die Bewertung bleibt jedoch umstritten. Einige Autoren meinen, die Abwesenheit einer schlüssigen Nationalidee habe auch ihr Gutes. Die erfolglos gebliebene Mobilisierung nationalistischer Massen und extremistischer Parteien, die Nichtexistenz schlagkräftiger paramilitärischer Gruppen nach Art der Tschetniks in Serbien, das Ausbleiben eines "Weimarer Republik"-Szenarios und die Beschränkung ethnischer Gewalteskalation auf Tschetschenien - all dies könne auch als Positivsaldo angesehen werden. Eine andere Sicht klagt hingegen Nationsbildung ein und sieht in deren Fehlen einen zentralen Grund für die schlechte Transformationsbilanz. Russlands Demokraten und Liberale hätten in den 90er Jahren das postsozialistische "Vakuum" den Chauvinisten und rechtsradikalen Kräften überlassen. Die konträren Bewertungen rufen über den Fall Russland hinaus reichende grundsätzliche Fragen hervor, und sie erfordern empirische Erklärungen.

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Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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