Ausgabe Juli 2001

Grenzverläufe des Zumutbaren

Einsichten und Absichten deutscher Einwanderungspolitik

Am Anfang stand die Green Card. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder im Februar 2000 vorgeschlagen hatte, den seit 1973 bestehenden Anwerbestopp für Arbeitskräfte zu lockern und im Ausland ein paar Tausend Computer-Experten anzuwerben, konnte man nicht unbedingt ahnen, dass er damit einen Paradigmenwechsel in der Einwanderungspolitik einleiten würde. Zu schlecht vorbereitet und zu halbherzig war die Initiative. Mit der vorgesehenen zeitlichen Befristung der Anwerbung und der begrenzten Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis orientierte sich Schröder an Konzepten der 50er und 60er Jahre, als die Verantwortlichen der Bevölkerung wider besseren Wissens vorgaukelten, die sogenannten Gastarbeiter blieben auf Zeit.

Mit dieser Lüge erkauften sich die Politiker die Zustimmung der Gewerkschaften und der Arbeiterschaft, die die Konkurrenz aus den Mittelmeerländern fürchteten. Gleichzeitig entledigten sie sich der Aufgabe, die Einwanderung für alle Beteiligten sozial verträglich und verantwortungsvoll zu gestalten. Aber der weitere Verlauf der Green Card-Initiative löste Lernprozesse aus - in der Bevölkerung und in den Parteien. Der Grund: Gerhard Schröder rief, aber die gewünschten Computerexperten meldeten sich nur recht zögerlich. Für viele Deutsche war das eine neue Erfahrung.

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema