Ausgabe Februar 2007

Jedem seinen Hitler

Wie schon Roberto Benignis Das Leben ist schön wirft Dani Levys Film Mein Führer reflexhaft die Frage auf, ob man über Hitler lachen könne oder dürfe. Vor allem, wenn man sie absolut stellt, ist diese Frage eher nicht relevant, denn schon vor und während seiner Herrschaft wurde über ihn gelacht. Vielmehr scheinen bestimmte Formen der Komik in Hitler-Geschichten eher fatale Folgen zu haben. Er hätte, so hat Charlie Chaplin einmal gesagt, The Great Dictator nicht gemacht, wenn er damals (1939) schon die Wahrheit über die KZs gewusst hätte. Aber auch ohne diese Kenntnis hatte der große Komiker gespürt, dass der Slapstick, der seine eigene Kunstfigur konstituierte, sich für das Thema Holocaust nicht eignete. Sein Film bewahrt künstlerische Integrität dadurch, dass am Ende der Mensch Charlie Chaplin sowohl aus seiner Doppelrolle als auch aus seiner Funktion als Regisseur heraustritt und sich direkt an das Publikum wendet, mit einem moralischen, antifaschistischen Aufruf.

Dany Levy zitiert diese Szene. Der jüdische Schauspieler Adolf Grünbaum soll dem alternden und kränkelnden Führer dabei helfen, seine frühere rhetorische Faszinationsfähigkeit in einer großen Rede, mit der die letzten Kräfte für den verlorenen Krieg mobilisiert werden sollen, wenigstens noch einmal zu spielen.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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