Geht es Indien heute erstaunlich gut oder ist dieses Land dabei, auf der ganzen Linie zu scheitern? Welche Antwort man auf diese Frage bekommt, hängt ganz davon ab, mit wem man spricht. Bei einer – allerdings ziemlich großen – Minderheit, nämlich bei Indern, denen es sehr gut geht (und in den vor allem für diese Leute bestimmten Medien), ist eine Erzählung sehr beliebt, die ungefähr so klingt: „Nach jahrzehntelanger Mittelmäßigkeit und Stagnation unter dem ‚Nehru-Sozialismus‘ konnte die indische Wirtschaft in den letzten beiden Dekaden einen spektakulären Aufschwung nehmen. Und dieser Aufschwung, der beispiellose Verbesserungen der Pro-Kopf-Einkommen bewirkte, wurde vor allem durch marktwirtschaftliche Initiativen in Gang gebracht und vorangetrieben. Zwar ging er mit einer beträchtlichen Zunahme der Ungleichheit einher, aber dieses Phänomen tritt in Perioden raschen Wachstums stets auf. Im Laufe der Zeit werden dessen Wohltaten sicherlich auch den Ärmsten zugute kommen, und wir befinden uns entschieden schon auf dem Wege zu diesem Zustand.
Über einen Monat lang demonstrierten junge Menschen in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi und weiteren großen Städten des Landes, bis die Regierung ihrer Forderung nach einem Rücktritt des Bildungsministers Dharmendra Pradhan nachgab.