Ausgabe Juli 2014

Machen wir Halt: 
Der Kampf unseres Lebens

Diese Geschichte handelt von miserablem Timing. Eine der verstörendsten Auswirkungen, die der Klimawandel schon heute zeitigt, bezeichnen Ökologen als mismatch oder mistiming. Gemeint ist der Prozess, in dem Tierarten aufgrund der Erderwärmung den Anschluss an die Entwicklung lebenswichtiger Nahrungsquellen verlieren, und zwar insbesondere während der Brutperioden. In diesen kann es zu rapiden Populationsverlusten kommen, wenn die Tiere nicht genug Futter finden.

Das Zugverhalten vieler Singvogelarten hat sich über Jahrtausende so entwickelt, dass die Jungtiere exakt dann schlüpfen, wenn Nahrungsquellen besonders üppig sprudeln und den Eltern genügend Futter – Raupen beispielsweise – für ihre hungrigen Jungen bieten. Doch weil der Frühling heute oft zeitiger einsetzt, schlüpfen auch die Schmetterlinge früher, weshalb Raupen in manchen Gegenden ausgerechnet dann weniger reichlich vorkommen, wenn die Vogelküken schlüpfen. Das aber bringt eine Reihe bedrohlicher Folgen für die Gesundheit und die Zahl der Nachkommen mit sich.

Ähnlich ergeht es den Rentieren in Westgrönland. Wenn sie die Gebiete erreichen, in denen die weiblichen Tiere üblicherweise kalben, finden sie heute nicht mehr genügend jener Futterpflanzen, auf die sie sich seit Jahrtausenden verlassen. Denn diese wachsen und vergehen wegen der ansteigenden Temperaturen früher.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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