Ausgabe August 2015

Der neue Cybernationalismus

China und Indien auf der Suche nach einer »alternativen Moderne«

Indien und China, die beiden Milliarden-Menschen-Mächte, wurden Ende der 1940er Jahre zu souveränen Staaten. Gleichzeitig verschrieben sie sich der Vision einer sozialistischen Modernisierung und behielten einander dabei stets neugierig und wachsam im Auge. In den letzten Jahren haben sich die beiden Staaten zunehmend auf eine triumphale Geschichtsdarstellung eingelassen – wonach die westlich-kapitalistische Moderne außerwestlichen Völkern den richtigen Weg zu Fortschritt und Entwicklung gewiesen habe. Doch für viele Inder und Chinesen war ihre nationale Erfahrung und Identität vor allem vom Kampf für die Befreiung von der militärischen und wirtschaftlichen Beherrschung durch den Westen geprägt.

Besonders eng war die Beziehung beider Länder im ersten Jahrzehnt ihrer Unabhängigkeit, als sie versuchten, dem amerikanischen Druck im Hinblick auf einen Eintritt in den Kalten Krieg zu widerstehen und für die jungen postkolonialen Nationen eine neutrale Außenpolitik zu formulieren. Auf dem historischen Gipfeltreffen neuer asiatischer und afrikanischer Staaten im April 1955 in Bandung schienen Mao, der chinesische Premierminister Zhou Enlai und der erste indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru ganz natürliche Bundesgenossen zu sein bei der gleichermaßen schweren Aufgabe, Hunderte Millionen von Menschen aus Elend und Armut herauszuführen.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (3.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Euphorie und Ernüchterung: Bangladesch nach dem Aufstand

von Natalie Mayroth, Dil Afrose Jahan

Im September fanden an der Universität Dhaka, einer der wichtigsten Hochschulen Bangladeschs, Wahlen zur Studentenvereinigung statt. Manche sehen sie als Testlauf für die nationalen Wahlen. Daher ist es ein Warnsignal, dass dort ausgerechnet der Studentenflügel der islamistischen Jamaat-e-Islami gewann.