Ausgabe Mai 2020

Der Hunger nach Helden

Ulrich Bröckling: Postheroische Helden

Bild: Ulrich Bröckling: Postheroische Helden

Es ist wieder von Helden die Rede und vor allem auch von Heldinnen – in einer Zeit, in der man sich von solchen Gestalten eigentlich schon verabschiedet zu haben schien; in einer Epoche, die den kriegerisch und maskulin geprägten Heldenfiguren der Vergangenheit zutiefst misstraut und sich darum als „postheroisch“ betrachtet. Aber die Coronakrise hat eine scheinbar ganz neue Form heroischer Charaktere hervorgebracht: Es sind Krankenpfleger und Kassiererinnen im Supermarkt, die sich dauernd einem hohen Infektionsrisiko aussetzen. Sie alle versehen ihren Dienst an der Gesellschaft in „systemrelevanten“, aber schlecht bezahlten Berufen und bleiben dennoch – wie es in alten Sagen heißt – „tapfer und treu“. Dafür werden sie, wie jüngst in einer „Spiegel“-Serie, zu „Heldinnen und Helden des Corona-Alltags“ geadelt oder, wie vom „Guardian“, zu „heroes of the coronavirus crisis“, denen Dank und Unterstützung gebührt.

Auch in einem postheroischen Zeitalter lebt also das Bedürfnis nach Helden fort. Anders als in früheren Epochen gehört das Heroische aber nicht mehr zum selbstverständlichen Inventar der gesellschaftlichen Orientierung und Organisation. Vielmehr ist es zu einem „Problemanzeiger“ geworden, wie Ulrich Bröckling in „Postheroische Helden. Ein Zeitbild“ schreibt.

Mai 2020

Sie haben etwa 15% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 85% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema